Ab ins Ausland: Interview mit Anna Orlinski
Internationale Erfahrungen sind heute in vielen Arbeitsumfeldern gewünscht und bereichern außerdem den persönlichen Erfahrungsschatz. Warum Studierende die Chance ergreifen sollten, Deutschland für eine Weile den Rücken zu kehren – sei es bei einem Praktikum oder im Auslandssemester – erklärt Anna Orlinski von der Randstad Akademie im Interview mit der Deutschen Bildung.
Frau Orlinski, sind internationale Erfahrungen für Hochschulabsolventen ein Muss?
Sagen wir so: Es ist auf jeden Fall ein bedeutsamer Pluspunkt im Hinblick auf die Erlangung gefragter Kompetenzen, wie z.B. interkulturelle Fähigkeiten, Selbstständigkeit oder Fremdsprachenkenntnisse, sowie im Hinblick auf die Erweiterung des eigenen Horizonts und Erfahrungsschatzes. Abhängig vom absolvierten Studium, der angestrebten Position und dem Unternehmen, in dem ich mich als Absolvent bewerben möchte, kann ein Auslandsaufenthalt auch eine Grundvoraussetzung sein, um beim potentiellen Arbeitgeber überhaupt in die engere Wahl zu kommen. Deshalb sollte sich jeder Student die Frage stellen, wie sein zukünftiges Arbeitsumfeld aussehen soll und inwiefern in diesem Berufsfeld Kompetenzen benötigt werden, die im Rahmen eines Auslandaufenthaltes erlangt bzw. ausgeweitet werden können.
Auslandssemester sind weit verbreitet. Welchen Stellenwert haben Praktika im Ausland?
Abhängig vom Anforderungsprofil der zu besetzenden Stelle können absolvierte Praktika im Ausland ein wichtiges Entscheidungskriterium für einen Bewerber sein. Gerade im Zuge der Globalisierung und Internationalisierung werden immer mehr Schlüsselqualifikationen von Akademikern erwartet, die ein Arbeiten über die Landesgrenzen hinaus ermöglichen. Solche Funktionen werden gerne bzw. ausschließlich mit Bewerbern besetzt, die bereits Erfahrungen im Ausland gesammelt und somit gelernt haben, mit unterschiedlichen Kulturen und Gegebenheiten erfolgreich umzugehen.
Gibt es Fachrichtungen, für die Auslandserfahrungen besonders relevant sind
Ich würde die Frage nach der Auslandserfahrung nicht auf die Fachrichtung, sondern eher auf den Berufswunsch des Studenten beziehen. Studenten, die nach Beendigung des Studiums gerne in einem internationalen Unternehmen bzw. internationalen Umfeld arbeiten möchten, sollten auf jeden Fall im Ausland studieren und/oder ein Praktikum absolvieren. Das ist dann unabhängig von der Fachrichtung. Generell kann man allerdings sagen, dass in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen oder auch bei angehenden Ingenieuren ein Auslandsaufenthalt von Seiten der Unternehmen sehr gerne gesehen wird, manchmal auch ein Muss ist.
Welche Zielländer sind aus Arbeitgebersicht derzeit besonders gefragt?
Im Hinblick auf die Erweiterung der Sprachkenntnisse ist es sicherlich sinnvoll, einen Aufenthalt im englischsprachigen Raum in Erwägung zu ziehen. Sind Kenntnisse der englischen Sprache bereits vorhanden, können unterschiedliche andere Länder in die Auswahl genommen werden. Indien, China oder auch Südamerika sind gerade im Hinblick auf die Globalisierung und Entwicklung der Märkte derzeit sehr interessant. Neben den Sprachkenntnissen sollen vor allem auch interkulturelle Fähigkeiten im Rahmen eines Auslandsaufenthaltes erworben werden, wie z.B. Anpassungsfähigkeit und Empathie, aber auch Selbständigkeit und Engagement des Studenten spielen eine große Rolle. So gesehen kommen auch ‚exotische‘ Länder in Frage.
Wie präsentiert man Auslandserfahrungen in der Bewerbung und im Vorstellungsgespräch?
Ein absolviertes Auslandspraktikum bzw. ein Auslandssemester sind wichtige Punkte in der Entwicklung eines jungen Menschen. Neben dem Erwerb gefragter Schlüsselqualifikationen beweist der Bewerber, dass er die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt verfolgt und „mit der Zeit geht“. Ihm ist bewusst, dass alleine das Vorliegen von im Studium erworbenen Fachkompetenzen nicht ausreicht, um berufsfähig zu sein und es auch zu bleiben. Mit der Entscheidung für ein Auslandssemester zeigt er, dass er Veränderungen gegenüber aufgeschlossen ist. Eine Eigenschaft, die in einem Zeitalter, in dem Wissen einer schnellen Verfallzeit unterliegt, von großer Bedeutung ist. Insofern ist es nicht nur zur Dokumentation eines lückenlosen Lebenslaufs wichtig, Auslandserfahrungen in die Auflistung aufzunehmen. Weiterhin würde ich empfehlen, diese auch im Anschreiben in den Fokus zu rücken. Das Jobinterview bietet die Möglichkeit, eigene Stärken darzustellen und den Entscheidungsträgern aufzuzeigen, weshalb man für die angestrebte Stelle der geeignete Bewerber ist. Anstelle von allgemeinen Schlagwörtern wie „ich bin aufgeschlossen“ oder „ich stehe Neuem offen gegenüber“ können an dieser Stelle Erfahrungen, die im Rahmen eines Auslandsaufenthaltes gemacht wurden, authentisch und konkret dargestellt werden.
Kommt es häufig vor, dass in Vorstellungsgesprächen Fremdsprachenkenntnisse unter Beweis gestellt werden müssen?
Wenn Fremdsprachenkenntnisse für das erfolgreiche Ausüben der angestrebten Funktion notwendig sind, kann es natürlich ein Bestandteil des Auswahlverfahrens sein, diese auch zu testen. Manche Branchen bzw. internationale Unternehmen führen ihre Bewerbungsprozesse vollständig in Englisch durch. Dieses macht auch Sinn, da in diesen Unternehmen Englisch häufig die interne Sprache ist.
Was raten Sie jungen Menschen, die einen Auslandsaufenthalt noch vor sich haben?
Auf jeden Fall die Chance ergreifen und ins Ausland gehen! Wenn sich die Chance bietet, dieses auch zwei Mal zu tun. Vielfältige Erfahrungen machen Sie als zukünftigen Bewerber nur interessanter. Dabei sollten Sie sich weniger Gedanken machen, dass der angestrebte Abschluss dadurch eventuell nach hinten rückt. Denn die gemachten Erfahrungen sind sowohl für die berufliche Karriere als auch im Hinblick auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit Gold wert. Und das wissen die Personalverantwortlichen und bewerten es entsprechend positiv.
Über Anna Orlinski (31), Diplom-Betriebswirtin
- 2002 Abschluss eines betriebswirtschaftlichen Studiums
- Direkteinstieg als Personalreferentin in den HANIEL Konzern (Rekrutierung, Verantwortung für die interne Ausbildung, Aufbau eines betrieblichen Gesundheitsmanagements)
- 2005 Wechsel zu Randstad Deutschland als Personalreferentin (Rekrutierung, Betreuung und Entwicklung interner Randstad Mitarbeiter)
- 2007 Übernahme der Verantwortung für das Personalmarketing bei Randstad Deutschland
- Seit Dezember 2008 als Projektmanager in der Randstad Akademie tätig. Hier gezielt zuständig für den Ausbau des Bereichs „Campus and Work“. Dabei stehen Maßnahmen und Aktivitäten im Fokus, welche die Integration von Akademikern in den Arbeitsmarkt unterstützen.


