Infos rund um Bachelor und Master
In diesem Info-Center stellen wir Ihnen Beiträge zu den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen zur Verfügung.
Bologna-Reform in der Kritik
Die Einführung der neuen Bachelor- und Master-Studiengänge wird in der Hochschullandschaft kontrovers diskutiert. Schneller, international vergleichbarer und praxisnäher sollen die Studiengänge sein. Doch Kritiker fordern längst die Reform der Reform.
Diskussion um Bologna
„Der Bachelor-Blues“ lautete die Überschrift eines Artikels zum Bologna-Prozess, der im September in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist: Die kritischen Stimmen zur Hochschulreform werden lauter. Der Deutsche Hochschulverband (DHV) fordert die Reform der Reform. „Es ist verantwortungslos, die vielfältigen Probleme, die durch die Umstellung auf Bachelor- und Master-Studiengänge entstanden sind, zu verharmlosen und als „Kinderkrankheiten“ zu deklarieren“, erklärte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Professor Dr. Bernhard Kempen.
Wo liegt das Problem? Sollte mit den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen nicht alles besser werden? Schneller, straffer, internationaler, praxisnäher! Diese Adjektive begleiteten die Umstellung auf die neuen Studiengänge, die nach neuen Zahlen der Hochschulrektorenkonferenz bereits zu 75 Prozent, in Berlin sogar zu 90 Prozent, vollzogen ist. Der DHV dagegen urteilt: „gründlich misslungen“. In einer Resolution fordert der Verband die Politiker auf, die Notbremse zu ziehen und das Studium wieder zu verlängern und wendet sich damit gegen ein Kernziel der Reform, nämlich die Verkürzung des Studiums auf drei Jahre. Die Kritik scheint sich insbesondere gegen den Bachelor-Abschluss zu richten.
Mobilität fraglich, Abbrecherquote gestiegen
Die Argumente: Die Bachelor-Studiengänge seien so stark spezialisiert, dass die ursprünglich gewollte Mobilität der Studierenden eher gesunken sei. Das Ziel, einen europäischen Hochschulraum zu schaffen, würde damit konterkariert, sagt Kempen. Schwächen sieht der Verband beim System der ECTS-Punkte, die eigentlich eine internationale Vergleichbarkeit garantieren sollten. In Wirklichkeit ließen sich die Leistungsnachweise von Land zu Land schlecht vergleichen. Der Verband verweist außerdem auf die insgesamt höhere Abbrecherquote unter Bachelor-Studierenden. „So kann es nicht weitergehen“, sagt DHV-Chef Kempen. Allerdings muss hier differenziert werden: Die Abbrecherquote ist nicht in allen Fachrichtungen gestiegen. In den Geisteswissenschaften ist sie sogar um fünf Prozent gesunken. Ausgerechnet in den stark gefragten Ingenieur-, Natur- und Wirtschaftswissenschaften hat sich die Lage jedoch deutlich verschlechtert: Hier bleiben besonders an den Fachhochschulen rund ein Drittel bis die Hälfte der Studierenden auf der Strecke.
Laut Studierendensurvey, eine Langzeitstudie zur Studiensituation und studentischen Orientierungen, erwartet nur noch jeder dritte Studierende, dass die deutschen Hochschulen durch die Bologna-Reformen attraktiver für ausländische Studierende werden. Ebenso wenig wird auf die Verbesserung der Berufschancen vertraut. Das Argument einer kürzeren berufsqualifizierenden Hochschulausbildung mit dem Bachelor ziehe immer weniger. Die Studierenden fühlten sich in ihrer Studiengestaltung eingeengt. Jeder Zweite erkenne Bachelor-Studiengängen die wissenschaftliche Qualität ab. Viele befürchten, dass der Bachelor „Akademiker zweiter Klasse“ hervorbringt. Das zeigte auch eine Studie des Bundesbildungsministeriums. Studierende klagen über Stress, finanzielle Probleme und die Angst, auf dem Arbeitsmarkt zu scheitern. Insbesondere der Spagat zwischen Studienfinanzierung und straffen Studiengängen, die kaum mehr Raum für Nebenjobs lassen, hat Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit der Studierenden. Finanzielle Probleme nehmen zu und es häufen sich Berichte über nachlassendes Engagement in Studenteninitiativen und Ehrenämtern.
Insgesamt kein schönes Feedback für die größte Hochschulreform seit Humboldt.
Tendenz zur Verschulung und wenig Raum für Eigenstudium
Apropos Humboldt: Dessen Kerngedanke war die Einheit von Forschung und Lehre. Ziel der Humboldtschen Universitätsreform war es, Studierenden nicht lediglich eine Fortsetzung der Schule zu bieten, sondern die direkte Auseinandersetzung mit Wissenschaft und Forschung. Im Rahmen der Bologna-Schelte fällt der Name Humboldt häufig, denn dessen Ideale sehen die Kritiker gefährdet. Das sieht auch Philosophie-Professor und Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin so. Im Bologna-Prozess sieht er eine Verschulung des Studiums auf breiter Front. Lange Präsenzzeiten, wenig Raum für das Eigenstudium und die Vermittlung eines kanonischen Wissens sieht er als Symptome der straffen Studiengänge und kritisiert die Tendenz, dass sich die Lehre von der aktuellen Forschung abkoppelt. Fehlende Zeit für das Selbststudium hält der Geisteswissenschaftler Nida-Rümelin besonders in den Geisteswissenschaften für bedauerlich. Erste Differenzierungen zwischen reinen Forschungs- und reinen Lehrprofessuren seien an den Hochschulen bereits zu beobachten, sagt er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.
Aber was ist mit der Forderung der Wirtschaft nach praxisnahen Studiengängen? Hier sieht Nida-Rümelin ein Versäumnis der Kultusministerkonferenz, die Fachhochschulen auszubauen. Denn den Bedarf nach anwendungsorientierten, praxisnahen Studiengängen gibt es schon lange. „Jetzt versucht man – Jahrzehnte später – diesen strategischen Grundfehler der Hochschulpolitik dadurch zu korrigieren, dass man nun ein Großteil der Universitäten faktisch in Fachhochschulen oder Berufsakademien umbaut. Das ist ein riskantes Spiel“, sagt Nida-Rümelin in der Süddeutschen Zeitung.
Stärkere Strukturierung, größere Transparenz
Als Pluspunkt der Reform sieht Nida-Rümelin die Transparenz: „Man gewinnt beispielsweise eine gewisse Normierung und macht transparenter, was die Studierenden wirklich gelernt haben.“ Als Gefahr sieht er die Entwertung der alten Studienabschlüsse, die teilweise international renommiert seien. Als Beispiel nennt er den deutschen Diplom-Ingenieur, das Staatsexamen in Jura sowie die traditionsreichen geisteswissenschaftlichen Magisterabschlüsse.
Genauso wie der DHV fordert Nida-Rümelin eine Reform der Reform. „Und zwar eine, die die Vorteile der Umstellung – stärkere Strukturierung, intensivere Betreuung – mit einer Renaissance des Humboldtschen Universitätsideals verbindet“.
DHV-Chef Kempen regt derweil an, eine Prämie für jeden Hochschulabsolventen auszuloben, der nach dem Studium eine studiengangsspezifische oder studiengangsnahe Erstanstellung außerhalb der Universität erhalte. Dadurch könnten Hochschulen ein noch stärkeres Interesse am Berufseinstieg ihrer Absolventen und an der Qualität der Hochschulausbildung entwickeln. Die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Arbeitgebern werde auf diese Weise intensiviert.


