Campus-Leben
Und was im Studium sonst noch alles wichtig ist - das erfahren Sie unseren Beiträgen rund um das Campus-Leben.
Politikstudenten wissen mehr
2001 litt Deutschland unter dem PISA-Schock. Die Kompetenzen der deutschen Schüler ließen sehr zu wünschen übrig. Die Aufregung war groß. Die SPIEGEL-Redaktion hat 2009 schließlich das Allgemeinwissen der Studierenden unter die Lupe genommen. Sind an den Hochschulen tatsächlich kluge Köpfe unterwegs? Lesen Sie nach, welche Ergebnisse und Überraschungen zu Tage treten, wenn man Studierende nach ihrer Allgemeinbildung fragt.
Die Ergebnisse der ersten PISA-Studie 2001 versetzten ganz Deutschland in einen Bildungs-Schock. Bei der Studie wurden weltweit 260.000 Schüler aus 32 Ländern im Alter von 15 Jahren in den Bereichen Lesekompetenz sowie mathematische und naturwissenschaftliche Grundbildung getestet. Deutsche Schüler lagen in allen Themengebieten auf den hinteren Rängen. Gute schulische Leistung zeigte sich zudem als stark abhängig von der sozialen Herkunft der Jugendlichen, besonders ausländische Schüler erreichten im Schnitt deutlich schlechtere Ergebnisse.
Seitdem wird in Deutschland wieder vermehrt in Bildungspolitik investiert. Dies scheint sich auszuzahlen. Die Ergebnisse aktuellerer Pisa-Studien sprechen für sich, unsere Schullandschaft erholt sich langsam. Aber wie sieht es mit den Studierenden aus? Die SPIEGEL-Redaktion hat sich im Jahr 2009 dem Thema angenommen und versucht herauszufinden, ob die zukünftige Bildungselite wirklich hält was sie verspricht. Schließlich sind die Schüler von damals die Absolventen von morgen.
„Studenten-PISA“
In Kooperation mit der Online-Community „studivz“ entwarfen die Redakteure 150 Fragen aus fünf Fachgebieten – Poltik, Geschichte, Wirtschaft und Naturwissenschaften. Mehr als 600.000 Menschen nahmen im Frühjahr 2009 teil, die Ergebnisse kann man bereits in der siebten Auflage nachlesen. Und sie sind überraschend.
Wer im Durchschnitt liegen will, muss etwa jede zweite Frage richtig beantworten. Zu den Besserwissern zählt bereits, wer sich bei drei von vier Antwortmöglichkeiten korrekt entscheidet. Gerade einmal 26 Teilnehmern gelang der Jackpot – sie wussten wirklich alles.
Eine tolle Leistung, gerade weil die Zeit pro Aufgabe mit jeweils 30 Sekunden eher knapp bemessen war.
Im Durchschnitt erzielten ältere Teilnehmer ein besseres Ergebnis als junge. Erfahrung bestätigte sich in diesem Fall also als Vorteil.
Überraschende Ergebnisse
Ein anderes Ergebnis überraschte jedoch noch mehr: Männliche Teilnehmer erreichten im Mittel bessere Testergebnisse als Frauen. Während Frauen nur rund 48 Prozent aller Fragen richtig beantworten konnten, waren es bei den Männern hingegen rund 59 Prozent. Woran das liegt weiß so richtig keiner, zumal andere Bildungsstudien normalerweise genau in die andere Richtung tendieren. Auch Stichprobenverzerrungen können ausgeschlossen werden. Manfred Prenzel, Professor für Pädagogik an der TU München und langjähriger Leiter der OECD Pisa-Untersuchungen in Deutschland, wagte einen Erklärungsversuch: „Das Ergebnis könnte dadurch zustande kommen, dass die intelligenten Frauen nicht in gleich hohem Maße teilgenommen haben wie die Männer.“ Männer würden einen solchen Wissenstest viel eher als „echten Wettbewerb“ verstehen und so motivierter daran teilnehmen.
Andere Experten, wie der Tübinger Professor Ulrich Trautwein, sehen den wahren Grund aber bei den Fragen selbst. So würden überdurchschnittlich viele Fragen aus den Bereichen Politik und Wirtschaft stammen, die generell eher maskulin besetzt sind. Und tatsächlich: Bei den Themengebieten Naturwissenschaft und Kultur sind die weiblichen Studierenden besser als ihre männlichen Kommilitonen. Frauen wissen demnach also nicht weniger, sondern einfach nur anders.
Im Durchschnitt beantworteten die Teilnehmer 24,5 von 45 Fragen richtig – also etwas mehr als die Hälfte. Studenten lagen dabei mit durchschnittlich 26 richtigen Antworten leicht über dem Durchschnitt. Dabei schnitten die Politikstudenten von allen Fachbereichen am besten ab. Spitzenränge erzielten außerdem die Historiker; VWLer und Physiker. Vernichtend viel das Ergebnis dagegen für Sozialpädagogen aus: Sie landeten auf dem letzten Platz.
Das Gesamtergebnis gibt also Anlass zur Hoffnung: Deutsche Studierende wissen vergleichsweise viel. Doch es könnte noch besser sein. Gerade in der Politik besteht erheblicher Nachholbedarf. Woran das liegt? Für viele Studierende ein klarer Fall: Die Bologna-Reform ist schuld. Überregulierte Studiengänge bieten selten die Chance über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken, für den Besuch fachfremder Vorlesungen bleibt keine Zeit, für soziales oder universitäres Engagement sowieso nicht. Das Resultat: Unzufriedene Studenten werden später zu unzufriedenen Arbeitnehmern, die keine emotionale Bindung zu ihrem Job haben und nur schwer teamfähig sind.
Individuelle Weiterbildung ist wichtig
Was kann man als Studierender dagegen unternehmen? Immer mehr Universitäten haben die Bedeutung von „Bildung über das übliche Maß hinaus“ mittlerweile erkannt. So müssen die Studierenden der Universität St. Gallen neben ihrem Hauptfach Seminare in Literatur, Geschichte, Soziologie und Psychologie absolvieren. Andere Hochschulen setzen auf Workshops und Fortbildungen im Rahmen eines „studium generale“.
Generell kann man Studierenden nur raten, sich nicht verbiegen zu lassen und sich trotz Unistress Freiräume zu schaffen. Ein Auslandssemester, Engagement in der Fachschaft oder dem Verein, die hochschuleigene Theatergruppe – all dies trägt positiv zur eigenen Persönlichkeit bei und öffnet neue Horizonte. Und eine Zeitung oder ein gutes Buch haben auch noch niemandem geschadet….


