CampusRecherchen: Stress im Studium

Die CampusScouts der Deutschen Bildung haben an verschiedenen Hochschulstandorten mit Kommilitonen gesprochen, diesmal zum Thema Stress im Studium. Lesen Sie die ausgesprochen persönlichen Statements und Erfahrungsberichte zu diesem brandaktuellen Thema: In ihnen wird auch Kritik am System Hochschule laut.

Mit Sport, Kino und Schokolade gegen Unistress
Pauline Schlüter*, 22

Ich habe im Studium oft das Gefühl, sehr gestresst zu sein. Das Konzept des Bachelors hat zur Folge, dass oft alles zur gleichen Zeit kommt: Klausuren, Hausarbeiten und dann auch noch Praktika absolvieren. In den Semesterferien schreibe ich Klausuren und Hausarbeiten. Direkt danach, manchmal auch währenddessen, habe ich ein Praktikum.

Nachdem die vorlesungsfreie Zeit zu Ende ist, müssen Vorträge für die Seminare vorbereitet werden. Wenn das vorbei ist, habe ich das Gefühl, dem Stoff der Vorlesungen hinterherzuhinken.

Dadurch, dass ich so viel auf einmal erledigen muss und kein Ende der Arbeit sehe, gerate ich sehr in Stress. Die Klausurphase beginnt dann auch kurze Zeit später und ich muss neben der Uni den Rest meiner Zeit zum Lernen verwenden.

Der Stress bei mir entsteht auch dadurch, meinen eigenen Ansprüchen und denen meiner Eltern nicht zu genügen. Die Noten stehen im Studium im Vordergrund und sind extrem wichtig für die Zukunft. Ein Masterplatz ist nur mit sehr guten Noten zu bekommen und gleichzeitig frage ich mich aber auch, was ich wirklich will. Ist das Studium überhaupt das Richtige für mich? Was möchte ich später beruflich machen? Werde ich später überhaupt einen Job bekommen?

Alle diese Gedanken machen mich oft traurig, aber auch wütend. Ich bin dann oft unausgeglichen und meine Freunde und meine Familie leiden darunter.

Um immer weiter zu machen muss ich mich dafür belohnen, dass ich viel gelernt oder eine andere Arbeit erfolgreich erledigt habe. Ich muss mir dann einen Abend frei nehmen und ins Kino gehen. Sport ist auch eine gute Stressmedizin, man kann einfach alles raus lassen und mal eine Stunde nicht über die Uni nachdenken. Schokolade hilft natürlich auch ungemein.

Magenprobleme und Panikattacken vor Klausuren
Franziska Behrend*, 22

Stress im Studium entsteht bei mir häufig in der Klausurphase. Wenn ich wochenlang gelernt, aber immer noch das Gefühl habe zu wenig zu wissen und die Klausuren nicht bestehen zu können. Der Druck entsteht durch den festen Vorlesungszeitplan im Bachelor, der genau vorschreibt, welche und wie viele Prüfungen in einem Semester abgelegt werden müssen. Und werden diese Klausuren nicht bestanden, dann kann man gewisse Veranstaltungen im nächsten Semester nicht belegen. Es besteht also in jeder Prüfungsphase die Gefahr, dass sich das Studium verzögert und verlängert, wenn man die Klausuren verhaut. Aber eine Verlängerung kann man sich kaum noch erlauben, der Druck, das Studium in sechs Semestern zu beenden, ist sehr hoch.

Gelernt wird dann fast nur noch für das Kurzzeitgedächtnis. Trotzdem müssen meine Noten sehr gut sein, damit ich eine Chance auf einen Masterplatz habe. Viele sagen uns, dass wir allein mit einem Bachelor-Abschluss kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben.

Das alles führt dazu, dass ich wochenlang jeden Tag am Schreibtisch verbringe und keinen Ausgleich habe. Dadurch bekomme ich oft schlechte Laune oder habe das Gefühl, einfach nur weinen zu müssen. Ich esse auch nicht mehr normal, entweder habe ich gar kein Hungergefühl und esse den ganzen Tag nichts, oder ich habe Fressattacken und stopfe wahllos Dinge in mich hinein. Bevorzugt dann natürlich Schokolade, Kekse und andere Süßigkeiten.

Das Problem ist eigentlich, dass ich mir durch den Lerndruck kaum mehr Freizeit erlaube. Aktivitäten mit Freunden nehmen enorm ab. Und wenn ich sie oder auch meine Familie einmal treffe, dann bin ich oft gereizt und reagiere schnell über. Besonders schlimm ist es dann im Wintersemester, wenn es dunkel ist und oft schlechtes Wetter herrscht. Das schlägt ebenfalls stark auf meine Laune.

Kurz vor der Klausur kommt es bei mir in schweren Fällen zu starken Magenproblemen und Panikattacken. Ich stehe dann oft kurz davor alles hinschmeißen zu wollen, fühle mich dumm und denke, dass ich das Studium niemals schaffen werde. An diesem Zeitpunkt brauche ich immer sehr viele beruhigende Worte von Freunden, die mich vom Gegenteil überzeugen. Schließlich schreibe ich die Klausuren doch mit und sie fallen meistens auch nicht so schlecht aus.

Einen richtigen Ausweg aus diesem Dilemma habe ich noch nicht gefunden. Da die Klausuren jedes Semester kommen, kann ich an der Menge des Stoffs nichts ändern.  

Ich klammer mich daran, dass ich nach den Klausuren ein wenig frei habe. Ich freue mich dann auf Partys und Shoppen: so hole ich mir meine gute Laune zurück.

Die Note war entscheidend
Florian Schuster*, 25, Betriebswirtschaftslehre, Universität Hamburg

Auch wenn ich es von Anfang an wusste: Ich musste bei meiner Diplomarbeit alles auf eine Karte setzen. Die Note war entscheidend, aber der Stress kostete mich unglaublich viele Nerven. Die Seiten ließen sich nicht schreiben. Von Tag zu Tag erhöhte sich mein täglicher Durchschnitt an Seiten, die ich in Zukunft noch zu schreiben hätte, aber nicht zu Papier brachte. Eine Quelle nach der anderen – nichts dabei. Auch die angefragte Verlängerung wurde mir verwehrt. Warum bloß? Mehr als vier Stunden Schlaf gönnte ich mir nur in den ersten vier Wochen. Die letzten zwei Tage vor der Abgabe machte ich sogar ganz durch. Wie ich das geschafft habe? Mit meinem Ehrgeiz alleine sicher nicht. Der Druck ermöglichte es in Kombination mit täglich mehreren Kopfschmerztabletten und leistungssteigernden Gedächtnis- und Konzentrations-Tabletten, die es rezeptfrei in der Apotheke gibt. Alles legal. Auch wenn ich von Kommilitonen schon andere Dinge angeboten bekommen habe.

*Name von der Redaktion geändert

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