In dieser Rubrik stellen wir Artikel und aktuelle Diskussionsthemen aus dem Bereich Hochschulpolitik & Bildung für Sie zusammen.
Was Studierende über das Wählen denken
Studierenden wird Politikverdrossenheit nachgesagt. Wir haben die Statistiken verlassen und einfach mal persönlich nachgefragt, wie Studierende über das Wählen denken. Unsere Stichprobe zeichnet ein anderes Bild als das vom teilnahmslosen Studierenden. Zum Thema äußern sich Sarah Schadek aus dem Bundesvorstand der Studenteninitiative AIESEC sowie drei Studierende aus Passau.
"Traditionelle Parteien decken studentische Interessen zu wenig ab"
"Bei der Bundestagswahl 2005 lag die Wahlbeteiligung bei 77,7 Prozent. Dies war die geringste Wahlbeteiligung seit 1949. Ich denke, dass diese Grenze dieses Jahr erneut unterschritten wird, verstehen tue ich dies jedoch nicht. Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs, in dem die politische Führung wichtiger ist als in den letzten 20 Jahren. Die Spitzenkandidaten der Parteien haben nicht die nötige Ausstrahlung oder das Charisma wie ein Obama, trotzdem kann man bei einem Blick in die Parteiprogramme Unterschiede erkennen. Aber selbst der Blick in das Parteiprogramm scheint für viele Leute „zu schwierig“ zu sein.
Junge Menschen leben nicht mehr nach dem traditionellen Lebensmuster. Persönliche Freiheit, Umweltschutz und Bildung sind heute Themen, die durchaus mit der Wirtschafts- oder Außenpolitik konkurrieren können. Das kann man auch gut am Erfolg der Piraten-Partei erkennen, die sogar realistische Chancen hat, dieses Jahr in den Bundestag einzuziehen.
Jugendliche reden und diskutieren viel über politische Themen, die traditionellen Parteien decken aber die Interessen der Jugendlichen und Studenten weniger ab als früher. Während politischen Auftritten der Spitzenkandidaten werden eher Themen für die breite Masse angebracht (Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise) und auch in den Parteiprogrammen findet man die oben genannten Themen wie Umweltschutz und Bildung eher auf den hinteren Plätzen. Das kann auch die vermehrte Veröffentlichung von Tweeds und Facebook-Seiten nicht verhindern. Jugendliche denken nicht in Gremien oder Parteien, sondern haben eine gesellschaftliche Vision, die sie gerne verwirklicht sehen wollen. Eine charismatische Person wie der US-Präsident Obama konnte genau das im Wahlkampf ausnutzen. Er hat Themen wie Frieden, Kulturaustausch, Offenheit, Toleranz und Umweltschutz klar angesprochen und auch vor offensichtlichem aber unangenehmem Aspekten keinen Rückzieher gemacht.
In unserer Organisation spielt die Auseinandersetzung mit genau diesen Themen eine Rolle. Wenn die Parteien es schaffen, sich mit den genannten Themen zu positionieren, könnten Sie die politische Verdrossenheit noch umdrehen. Der Ausgang bleibt spannend."
Sarah Schadek, 25, abgeschlossenes Studium der Politikwissenschaft, Wirtschaftspädagogik und Anglistik/ Amerikanistik an der TU Chemnitz 2009, Deutsches Komitee der AIESEC e.V., Bundesvorstand für Talent Management
"Ich bin überzeugte Wechselwählerin"
"Da eine lebendige Demokratie größtmögliche Partizipation durch die Bürger braucht, werde ich auf jeden Fall zur Wahl gehen. Ich bin jedoch von keinem Parteiprogramm hundertprozentig überzeugt und als überzeugte Wechselwählerin habe ich mich auch noch nicht entschieden, welcher Partei ich meine Stimme geben werde.
Da viele meiner Freunde an der Uni und zu Hause Politikwissenschaft studieren oder sich für Politik interessieren, ist die aktuelle politische Situation ein großes Thema bei uns, obwohl man schon bemerkt, dass eine leichte Politikverdrossenheit vorherrscht. Im Allgemeinen lässt sich aber sagen, dass wohl alle meine Freunde zur Wahl gehen werden, denn Politikverdrossenheit hin oder her, wer nicht zur Wahl geht hat schon verloren."
Stefanie Gschwandner (22), B.A. European Studies, 4. Semester, Universität Passau
"Ich bin von keiner Partei überzeugt"
"Ich gehe wählen. Der demokratische Staat, in dem wir leben, bietet uns durch die Teilnahme an Wahlen (von Parlamenten und Personen) eine Möglichkeit, die politische Ausrichtung der BRD festzulegen: Ich kann auf diese Weise meine Meinung in der Demokratie wiedergeben und mein Recht auf Mitbestimmung in unserem Staat einfordern.
Als eine "Bürgerpflicht" würde ich es allerdings nicht bezeichnen, eher als ein „Bürgerrecht“: Ich habe auch die Freiheit nicht zu wählen, die Konsequenz ist dann aber, dass ich mich nur eingeschränkt über die in der Politik eingeschlagenen Wege beschweren darf. Ich bin von keiner Partei wirklich "überzeugt". Parteien sind für mich Mittel zum Zweck, ich nutze sie, um meine Sicht der Dinge an die Politik weiterzuleiten. Eine Partei, egal welche, spiegelt meine Ansichten nie vollkommen wieder. Wählen heißt für mich also „Wahl eines Parteiprogramms, welches meine Überzeugungen am ehesten widerspiegelt“.
Ich habe das Gefühl, dass Politikverdrossenheit bei Studenten kaum zu finden ist. Schade finde ich aber, dass wir Studenten nicht mehr bereit sind, für unsere Ideen auf die Straße zu gehen."
Max Lemke* (26), Diplom-BWL, 10. Semester, Universität Passau
"Die meisten meiner Kommilitonen gehen wählen"
"Ich halte es für wichtig wählen zu gehen und habe bereits per Briefwahl, gewählt. Diejenigen, die sich nicht für Politik begeistern lassen, kann ich nur akzeptieren, solange sie sich anschließend nicht beschweren, was die Politiker mit unserem Land alles falsch machen. Auch wenn man keine hundertprozentige Überzeugung für eine Partei hat, sollte man doch wenigstens die Partei wählen, der man sich am ehesten (wenn auch nicht in allen Programmpunkten) verbunden fühlt und die die eigenen Interessen am intensivsten durchsetzt.
Die meisten meiner Kommilitonen interessieren sich für Politik und gehen natürlich auch wählen. Gerne sitzen wir auch abends bei einem Bier oder Wein beisammen und diskutieren hitzig über Inhalte, Überzeugungen und Politikverdrossenheit. Für mich ist so etwas wichtig, schließlich leben wir nicht umsonst in einer Demokratie, der Herrschaft des Volkes also. Daher sollten sich die Bürger auch aktiver an einer zufriedenstellenden Demokratie beteiligen, selbst wenn der erste Schritt (nur) der Gang zur Wahlurne ist."
Antonia Behr* (21) Bachelor International Cultural and Business Studies, 3. Semester, Universität Passau
*Name auf Wunsch geändert


