In dieser Rubrik stellen wir Artikel und aktuelle Diskussionsthemen aus dem Bereich Hochschulpolitik & Bildung für Sie zusammen.

 

Wie politisch sind Studierende?

Über das politische Engagement und die Protestkultur von Studierenden wurde in den vergangenen Monaten viel diskutiert. Anlässlich der Bundestagswahl werfen wir noch einmal einen Blick auf die politische Seele der deutschen Hochschüler. Konsens statt Konfrontation? Creditpoints sammeln statt Demonstrieren?

"Noch nie waren die Studenten politisch so teilnahmslos wie heute", sagt Tino Bargel von der Universität Konstanz. In dem Studierendensurvey untersucht die Universität Konstanz im Auftrag der Bundesregierung schon seit 1983 den Wandel politischer Orientierungen und gesellschaftlicher Werte der Studierenden. Im aktuellen Bericht, der Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, konnte ein Interesse für Politik nur noch bei 37 Prozent der Studierenden festgestellt werden. Von sattelfesten Demokraten könne nicht mehr die Rede sein, so ein Ergebnis der Studie.

Auch geringe Wahlbeteiligungen untermauern diese Studienergebnisse. Der Rückgang des politischen Interesses geht gleichzeitig einher mit einer gestiegenen Wertschätzung des Lebensbereichs "Eltern und Geschwister". 2007 hielten 72 Prozent diesen Bereich für sehr wichtig, 24 Jahre zuvor lediglich 46 Prozent. Studienleiter Bargel spricht von einer Rückbesinnung auf private Einbindung und Tradition und sieht es als problematisch für die Demokratie an, wenn öffentliche Tugenden nachlassen.

Pragmatische Generation unter Druck
Auch die Shell-Jugendstudie stellte Anfang des neuen Jahrtausends eine "pragmatische Generation" fest. Leistungsbereitschaft, Engagement und eine Orientierung an den konkreten und naheliegenden Problemen würde heute die Grundhaltung junger Menschen prägen. In der Studie von 2006 bestätigte sich der Befund und die Generation wird etwas erweitert als „pragmatische Generation unter Druck“ beschrieben.

Früher war das natürlich anders. In den 60er und 70er Jahren waren rebellierende junge Menschen an der Tagesordnung. Mit Leidenschaft setzten sich Studierende für politische Fragen ein und kämpften für eine bessere Welt. Heute sind Studierende in ihrer politischen Haltung mehr auf Dialog und Konsens aus. Die Partizipation am politischen Leben hat einen Tiefpunkt erreicht. Auch positionieren sich immer weniger Studierende im politischen Spektrum. Die Zusammensetzung der Studentenparlamente spiegelt die zunehmende Abwendung von den Parteien wider, unabhängige Gruppierungen bekommen Aufwind. Eine Campus-Umfrage des Asta der Uni Hamburg ergab, dass nur noch acht Prozent der Studierenden in einer Fachschaft oder einer politischen Hochschulgruppe engagiert sind. Wollen Studierende nicht mehr mitreden?

Distanz zu demokratischen Prinzipien: Schuld ist nur der Bachelor?
Auch stellten die Konstanzer Forscher eine Distanz zu grundlegenden demokratischen Prinzipien fest. Die FAZ brachte es auf folgende Formel: "Wer auf die Straße geht, wird als Störenfried empfunden. Konsens statt Konfrontation".

Eine Ausnahme bildeten die Proteste rund um die Einführung der Studiengebühren, wobei hier auch nur eine Minderheit agierte.

Der Dachverband der Studierendenvertretungen FZS hat dafür eine Ursache identifiziert: Es seien die straff organisierten Studiengänge, die den Studierenden kaum mehr Zeit für politisches Engagement lassen. Hochschulforscher Tino Bargel sieht die Gründe auch in einem Wandel der Mentalität. Studierende sind heute in einem Sicherheits- und Ordnungsdenken verhaftet, während sie mit politischer Streitkultur weniger anfangen können. Der Wettbewerb um Arbeitsplätze und die eigene Karriere sind die vorherrschenden Probleme geworden, die Studierende beschäftigen.

Michael Bürsch, der Vorsitzende des Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagement im Deutschen Bundestag sagte in der FAZ: „Etliche mischen sich ein, aber ihr Engagement ist eher kurzfristig und auf die Biographie abgestimmt.“ Als Pragmatiker suchen sich Studierende eher Tätigkeiten, die auf ihr Fachwissen abgestimmt sind.

Extreme Richtungen treffen auf wenig Widerstand
Die Gleichgültigkeit hat Folgen. Eine besonders alarmierende Entwicklung ist, dass Studierende extreme politische Richtungen, die sich links wie rechts abseits des friedlichen, demokratischen Spektrums bewegen, weniger deutlich ablehnen. Rechtsradikale Organisationen nutzen zum Beispiel den fehlenden Widerstand gegen ihre Parolen aus. Die NPD habe sich die Rekrutierung des akademischen Nachwuchses bereits auf die Fahne geschrieben, berichtete jüngst die FAZ. Der Anteil national-konservativer Denker hat sich von 1983 von drei auf sechs Prozent verdoppelt. In manchen Städten haben Rechtsradikale sogar in den Studierendenausschüssen Einzug gehalten. Auch linksextreme Gruppierungen fallen immer wieder an Hochschulen auf.

Optimistisch gibt sich der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. Er erwartet eine „baldige Repolitisierung der Jugend in Deutschland“, wie er in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagte. Unter Studierenden wachse wieder ein Protestpotenzial heran und die Bildungsdemonstrationen in diesem Sommer seien erst der Anfang gewesen. Statt Politikverdrossenheit stellt der Forscher eher eine Parteienverdrossenheit fest. Besonders abstoßend wirken auf Jugendliche nach Hurrelmann "die Rituale und Mauscheleien im Vorfeld von parteiinternen Kandidatenaufstellungen", ebenso wie ständiger populistischer Positionswechsel.

Wählen gehen
Man darf gespannt sein, wie das Wahlverhalten der Studierenden bei der Bundestagswahl am Sonntag aussehen wird. Lesen Sie nach, was Studierende über die Wahl denken. Wir haben nachgefragt und aufschlussreiche, engagierte Statements  gesammelt.

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