In dieser Rubrik stellen wir Artikel und aktuelle Diskussionsthemen aus dem Bereich Hochschulpolitik & Bildung für Sie zusammen.

 

„Wirklich gute Parolen“

Über 100.000 Studierende und Schüler haben an den bundesweiten Protesten im Juni teilgenommen. Viele haben die Aktionen am Rande miterlebt. Wir haben Studierende nach ihrer Meinung gefragt. Wurde der Bildungsstreik wahrgenommen? Wie schätzen Studierende die Forderungen ein? Sind Proteste der richtige Weg? Lesen Sie einige Ansichten zum Bildungsstreik.

“Widerstand gegen Studiengebühren”
Von Lisa Tippner (22), International Cultural and Business Studies, Universität Passau
Leider gab es einen solchen Bildungsstreik, wie ihn die meisten Großstädte Deutschlands erlebt haben, in Passau nicht. Das hat mehrere Gründe. Der wohl markanteste Punkt ist der, dass Passau zwar eine recht kleine, dafür aber eine eher konservative Studentenschaft aufweist. Viele Studierenden stören sich nicht wirklich daran, Studiengebühren zu bezahlen – 500€ sind ca. 6 Polo-Shirts von Ralph Lauren, so in etwa wird hier oft gedacht. Das ist schade und wirklich bedauernswert.

Aber natürlich will ich nicht alle Studierenden in einen Topf werfen! Und es gibt auch hier an der Uni Passau Widerstand gegen Studiengebühren und den Bolognaprozess. Mitte Mai wurde eine (kleine) Demo organisiert, bei der aber leider nur sehr wenige Studenten teilgenommen haben.

Ich denke, dass aus den vorhergehenden Passagen meine Meinung klar zum Ausdruck kommt: Proteste empfinde ich als den richtigen Weg auf bestehende Probleme aufmerksam zu machen. Es gibt wenige andere Formen, die auch öffentlich so wahrgenommen werden wie eine Demo, mit wütenden aber vor allem enttäuschten Studierenden. Die Inhalte sind jedem bekannt: Vor allem, dass sich nicht jeder Studiengebühren leisten kann und das die Bildungs- aber auch die Einkommensschere dadurch nur noch weiter vergrößert wird, dass Studierende auf ein Bachelor- und Mastersystem losgelassen werden, ohne dass die Wirtschaft wirklich weiß, was sie denn mit den ganzen Bachelorabsolventen anfangen soll.

Die Forderungen, die gestellt werden, halte ich für gerechtfertigt. Vor allem, wenn sich nicht die wirklich wichtigen Inhalte für Studierende ändern, wie z.B. eine bessere Qualität der Lehre, mehrere Tutorien, Übungen und eine bessere Betreuung. Ich weiß nicht, wie es anderen Studierenden geht, aber für zwei Stunden längere Öffnungszeiten in der Bibliothek will ich keine 500 € bezahlen!

"Wirklich gute Parolen"
Von Ali Semih Sayilirbas (27), Biotechnik, Universität Hamburg
Klar, habe ich vom Bildungsstreik mitbekommen, allerdings nicht selber teilgenommen, sondern ich habe hauptsächlich über die Medien davon gehört.

Dieses Jahr ist alles friedlich, sinnvoller und bedachter als sonst abgelaufen. Der Schwerpunkt lag auf inhaltlichen Aussagen. Letztes Jahr gab es nur Randale, dieses Jahr hingegen auch wirklich gute Parolen. Wichtig ist, dass der Inhalt kommuniziert wird: die meisten Studierenden haben gegen die Bachelor- und Master-Umstellung protestiert und dass Studierende immer durchschnittlicher werden, auch auf dem internationalen Markt. Außerdem müssen sie in kürzerer Zeit mehr leisten. Ansonsten haben die Studierenden gegen die fehlende Transparenz bei der Verwendung der Studiengebühren protestiert. Man sehe nicht, wo die Gelder hin fließen.

"Besetzen von Banken: Lustige Veranstaltung für Kapitalismus-Gegner"
Carl-Philipp Fries-Henrich (28), Technische Universität Berlin, Wirtschaftsingenieurwesen
Auch in Berlin wurde auf vielfältige Art und Weise gestreikt. Neben den klassischen Protestzügen riefen viele linke Gruppen zu besonderen Aktionen auf. Besetzen oder Blockieren von Banken, parallel sollte der ehemalige Flughafen Tempelhof besetzt werden.

Ich selbst war nicht dabei. Warum? Nun, ich finde viele Gründe, weswegen Studierende protestieren sollten. Vieles in der deutschen/europäischen Bildungspolitik ist sicherlich weder sinnvoll noch gut.

Schade nur, dass viele linksradikale Gruppen die Bildungsstreiks organisieren und bei dieser Gelegenheit gleich ihre eigenen Ziele verfolgen. So sollte sich ein Protest für mehr Gelder in der Bildung nicht gegen alle diejenigen richten, die in der Konkurrenz um öffentliche Gelder etwas erhalten haben. Vielmehr sollten den Entscheidungsträgern der Politik die Argumente der Studierenden vorgetragen werden.
So mag das Besetzen von Banken sicherlich für alle Kapitalismus-Gegner eine lustige Veranstaltung sein, es sollte aber für einen Studierenden, der die Situation an Universitäten verändern möchte, nicht die geeignete Wahl darstellen.

Die Politik kann sich richtigen, durchdachten Argumenten nicht verwehren. Wohl aber Landfriedensbruch und Randalieren. Besonders, wenn sie sich hinter Studentenprotesten verstecken!

"Grundsätzlich sind Proteste der richtige Weg"
Dorith Heitmann (25), Hochschule Fulda, Gesundheitsmanagement
Im Vorfeld habe ich die Flyer, die vom AStA vorbereitet wurden, mir angesehen und fand sie nicht so gut, weil sie den Bildungsstreik mehr oder weniger als "Privataktion" genutzt haben und mich die Themen nicht so sehr betroffen haben. Es wurde u.a. aufgerufen, sich gegen Anwesenheitslisten (betrifft nicht alle Fachbereiche) auszusprechen und diese auch zu dem Ereignis mitzubringen. Dieser Punkt betraf mich nicht, weil es bei uns im Fachbereich zwar eine Anwesenheitspflicht gibt, die jedoch nicht mit Anwesenheitslisten kontrolliert wird.

Teilgenommen habe ich nicht, weil ich zu dem Zeitpunkt in der Vergabekommission der QSL Mittel (Entscheidung über fachsbereichübergreifende Mittel im Rahmen des Programms zur Verbesserung der Qualität von Studium und Lehre) der Hochschule beschäftigt war.

Grundsätzlich sind Proteste der richtige Weg, aber nicht in der Form, wie es bei uns an der Hochschule abgelaufen ist. Ich habe gehört, dass sich getroffen wurde, einige sich zu dem Thema geäußert haben und dann mehr oder weniger strukturiert durch die Stadt gegangen sind. Nach meinem Wissen stand kein direktes Konzept dahinter, sodass für den Marsch noch nicht einmal Plakate zur Verfügung standen.

Sicher gibt es Missstände, gegen die angegangen werden sollte. Aber ich empfinde die angesprochenen Punkte für mich persönlich nicht so schlimm. Masterplätze sind bei uns genügend da, die Verschulung im Hinblick auf  Bachelor/Master finde ich auch nicht so schlimm. Es ist nun mal ein internationaler Abschluss, der bestimmte Rahmenbedingungen stellt. Ich sehe das als einen Fortschritt an, später auch im Ausland arbeiten zu können.

Klar ist die Regelstudienzeit knapp bemessen, aber es ist machbar und zu Zeiten der Magister- oder Diplomabschlüsse war es ja auch nicht so, dass alle ihr Studium in der Regelstudienzeit abgeschlossen hatten.

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