Chancengleichheit und Gendergerechtigkeit: Die Gründerinnen Marle Schuhmann und Miriam Mona Müller im Interview

Miriam Mona Müller

"Es ist wichtig ein großes Ziel vor Augen zu haben."

von Ariane Vera

Bis Frauen und Männer dasselbe verdienen und keine Debatten mehr über Gleichberechtigung geführt werden, ist noch viel zu tun. Das finden jedenfalls die Gründerinnen des Vereins WeCanStruct e.V., Marle Schuhmann und Miriam Mona Müller. Im Interview sprechen sie über das, was sie antreibt und wie sie unsere Gesellschaft gerechter machen wollen.

 

Was ist die Vision von WeCanStruct?

 

Unsere Vision ist es, dass jeder Mensch, unabhängig seines Geschlechts, sexueller Orientierung oder Herkunft, die gleichen Chancen hat, sich selbst zu verwirklichen und selbstbestimmt zu leben. Dafür müssen wir Stereotypen durchbrechen und gemeinsam Freiheiten schaffen. Unser Name steht dafür, dass wir gemeinsam Geschlechterrollen dekonstruieren können. Das machen wir durchs Informieren, Netzwerken und Inspirieren. Wir informieren anhand von klaren Argumenten, warum Geschlechtergerechtigkeit wichtig ist. WeCanStruct möchte die tollen Initiativen, Vereine und Start-ups der feministischen Szene unterstützen und gemeinsam mit diesen an einer geschlechtergerechten Gesellschaft in Deutschland arbeiten. Inspirieren möchte WeCanStruct zukünftige Gründer_Innen, Aktivist_Innen und Entscheider_Innen sich stärker mit feministischen Themen auseinanderzusetzen und sich für Geschlechtergerechtigkeit sich einzusetzen. 

Wie kam es dazu, dass ihr WeCanStruct gegründet habt?

Drei von uns haben sich schon in verschiedenen anderen Kontexten des Engagements kennengelernt, aber eher im internationalen Kontext. Wir haben in vielen Gesprächen gemerkt, dass Geschlechterrollen und Strukturen, in denen sie verankert sind, in Deutschland anders funktionieren als in anderen Ländern. Wir finden, es gibt viel zu tun und wir haben gleich in unserem Umfeld vier weitere Mitstreiter_Innen gefunden.

Was ist die größte Herausforderung beim Gründen? Und worüber sollte man sich Gedanken machen, bevor man ein Unternehmen/einen Verein/ eine Organisation gründet?

Uns hat es ungemein geholfen, Teil der Project Together Community zu sein. Hier findet man zahlreiche Leute, die gerade gründen oder bereits gegründet haben. So eine tolle Unterstützung hilft richtig viel. Die bürokratischen und organisatorischen Arbeiten nehmen in der Anfangsphase unglaublich viel Platz ein und es ist super wichtig motiviert zu bleiben, regelmäßig mit dem Team Spaß zu haben und sich gegenseitig zu stärken. Sich über private Sichtweisen auszutauschen hilft sehr, um in diesen Zeiten am Ball zu bleiben. Eine Herausforderung ist auch wirklich, das große Ziel im Auge zu behalten und die kleinen, aber wichtigen erreichten Meilensteine zu feiern. Super positive Erfahrungen haben wir gemeinsam als Team gemacht. Wir passen aufeinander auf, dass die eine oder die andere sich nicht übernimmt. Wir ermutigen uns gegenseitig und springen für die andere mal ein, wenn es klemmt. 

Eine vor kurzem veröffentlichte Studie der METRO AG ergab, dass das Gründen für Frauen noch immer schwieriger ist, als  für Männer. Grund dafür sind größtenteils Genderstereotypen. Nun seid ihr ein Team aus Frauen und Männern - erlebt ihr (dennoch) Genderstereotypen in der Gründungsphase?

Nein, nicht innerhalb des Teams. Es stärkt uns, sehr viele verschiedene Perspektiven auf Themen zu haben und den Stereotypen, die uns im Alltag begegnen, können wir mit mehr Kraft entgegen treten, wenn man offen für viele Meinungen und Menschen bleibt.

Was die Wahrnehmung von außen angeht, begegnen uns auf jeden Fall Stereotypen. Unsere Gesellschaft ist leider darauf aufgebaut. Wir werden ab und zu gefragt, ob auch Männer unserem Verein beitreten dürfen. Diese Aussage impliziert, dass Geschlechtergerechtigkeit nur Frauen anginge. Aber das ist natürlich totaler Quatsch. Natürlich können Männer in unseren Verein eintreten. Es gibt sogar schon einige männliche Mitglieder. 

Wie kann man sich den „Gründungsalltag“ vorstellen?

Einmal die Woche telefonieren wir, treffen Entscheidungen, diskutieren Ideen und versuchen Aufgaben aufzuteilen. Ansonsten stehen wir permanent über Chats in Kontakt, weil immer etwas anfällt. WeCanStruct ist in unseren Köpfen 24/7. Es ergeben sich jeden Tag neue Möglichkeiten. Auch sehen wir jeden Tag Ungerechtigkeiten, die wir bekämpfen wollen und die direkt mit Geschlechtergerechtigkeit zu tun hat. Natürlich können wir all unsere Energie nicht täglich komplett für WeCanStruct aufbrauchen, aber im Hinterkopf ist WeCanStruct immer dabei. 

Ihr seid das perfekte Beispiel dafür, dass durch das Aktivwerden etwas Großartiges wachsen kann. Nicht nur seid ihr selbst Vorbilder für andere, indem ihr Geschlechterstereotypen in Bezug auf das Gründen widerlegt - euer Verein setzt sich auch aktiv dafür ein, dass Geschlechterstereotypen abgebaut werden. Was würdet ihr jenen raten, die darüber nachdenken, ebenfalls aktiv zu werden? Was ist Motivation, die ihr aus euren bisherigen Erfahrungen weitergeben könnt?

Es ist wichtig ein großes Ziel vor Augen zu haben, aber die Ziele sollten den eigenen Kapazitäten gerecht sein. Zum Beispiel kann ein Zweier-Team mit großen zeitlichen sowie finanziellen Kapazitäten andere Dinge erreichen als ein Fünfer- Team mit einem guten Netzwerk. Veränderung beginnt im Kleinen. Jede und jeder kann den eigenen Alltag gerechter gestalten. Das sollten Gründer_innen nicht vergessen, sonst kann es passieren, dass wir schnell von unserer eigenen Arbeit enttäuscht sind und nur sehen, was wir nicht erreicht haben und nicht mehr das, was wir tatsächlich schon Tolles geschaffen haben.  

Was braucht es eurer Meinung nach am meisten, um eine Zukunft frei von Geschlechterstereotypen gestalten zu können? Wo beginnt man damit, Stereotypen abzubauen?

Erstmal ist es wichtig, die eigenen Gedanken und Entscheidungen kritisch zu hinterfragen. Keine und keiner verlangt einen sofortigen Wandel. Ein paar von uns haben ja schließlich auch fast 20 Jahre gebraucht, um uns endlich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir von WeCanStruct sind aber davon überzeugt, dass das Private politisch ist und der Wandel hier beginnt. Zum Beispiel können wir uns die Frage stellen, warum mein Freund total dafür gelobt wird, wenn er mal kocht, ich als Frau aber kein besonderes Lob dafür erhalte. 

Wie sähe eine Zukunft ohne Geschlechterrollen aus?

Eltern würden nicht unbedingt wissen wollen, ob ihr zukünftiges Kind ein Mädchen oder ein Junge ist, damit sie alles in blau oder in pink kaufen können. Schüler_innen entscheiden sich nicht gegen den Physikleistungskurs, weil dort nur Jungen sind. Es wird ganz normal sein, dass Eltern sich die Aufgaben im Haushalt aufteilen und dass auch Männer nach der Geburt des Kindes für 1-2 Jahre mal zu Hause bleiben. 

Haben eurer Meinung nach globale Kampagnen (#MeeToo, #TimesUp, SDG 5, IWD, Equal Pay Day und Co.) einen großen Einfluss auf das Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland? 

Wir finden ja. Denn globale Kampagnen erreichen einen großen Teil der Weltbevölkerung und lässt diese über das Thema nachdenken. Obwohl es dann nur kurzfristig erscheint, können solche Kampagnen langfristig in den Köpfen der Menschen etwas auslösen. Natürlich ist der Einfluss nach unserem Geschmack noch zu klein, aber je mehr Menschen an solchen Kampagnen teilnehmen oder diese sogar selbst initiieren, desto schneller erlangen wir Geschlechtergerechtigkeit im Privaten und im Öffentlichen. 

Was möchtet ihr noch sagen? 

Unser Kick-off ist am 6. Oktober in Hamburg geplant. Ihr werdet demnächst auf unserer Website sowie Twitter, Instagram und Facebook von unserem Vorhaben hören. Nach der Civil Academy sind wir nun im Social Impact Lab Bonn. Dort feilen wir an unserer Idee für ein Festival im Herbst 2019. Das Social Impact Lab ist einfach perfekt, um unsere eigene Ideen zu verwirklichen. Wir legen es allen ans Herz hier mitzumachen!

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