Da geht was! Die Generation Y im Arbeitsumfeld

Interview mit Prof. Dr. Sonja Salmen

Die Ypsiloner sind freiheitsliebend, anspruchsvoll und leiden bisweilen unter digitaler Demenz. Da sie viel Wert auf die Verwirklichung ihrer Ansprüche legen, sehen sich auch Unternehmen herausgefordert. Die nachrückenden Akademiker der Generation Y verlangen neue Führungsstile und interessieren sich nicht mehr nur für Geld. Flexible Arbeitszeiten, Work-Life-Balance und sinnhafte Aufgaben sind das, wonach junge Menschen heute streben. Das verändert auch das Recruiting, das immer mehr auf unterhaltsame Effekte in sozialen Medien setzen muss, um junge Fachkräfte für das Unternehmen zu gewinnen. Wir haben Prof. Dr. Sonja Salmen zu diesem Thema interviewt. Sie kennt die anspruchsvolle und empfindsame Seele der Ypsiloner.

Frau Prof. Dr. Sonja Salmen, immer häufiger hört und liest man von der so genannten Generation Y. Was für ein Lebensgefühl und welche Einstellungen charakterisieren die jungen Menschen, die aktuell in die Arbeitswelt eintreten?

Qualifiziert, selbstbewusst, extrem anspruchsvoll, ständig in der Feedback-Schleife – diese jungen Fach- und Führungskräfte werden Kultur und Alltag in den Unternehmen komplett neu aufrollen und ihren Vorstellungen gemäß generationsübergreifend neu gestalten.
Nicht nur die Erwartungen an Arbeit haben sich gewandelt, auch die Charakteristika der jungen Mitarbeiter – sowohl bei der Arbeit als auch in der Freizeit – unterscheiden sich von anderen Generationen: Sind vernetzt und mobil erreichbar, legen Wert auf Innovation und Flexibilität, betreiben learning by doing, sind an schnellen Ergebnissen interessiert, verbringen viel Zeit online oder mit mobilen Geräten, sammeln Freunde und Bekannte in der virtuellen Welt und denken global. Sie sind freiheitsliebend, legen großen Wert auf die Verwirklichung eigener Wünsche und Vorstellungen, gehen ungezwungen und offen mit persönlichen Details um, schätzen Teamwork und „Sharing“, betreiben eine Copy-and-Paste-Kultur, engagieren sich, leben Ihre Kreativität digital aus. Sozialkontakte, Freundschaften, Freizeitaktivitäten sind allesamt digital geprägt, wollen unterhalten werden, überprüfen alles und decken Missstände sofort auf, fordern zeitnah Feedback auf Anfragen und Wünsche.
Auch in meinem Berufsalltag hier an der Hochschule Heilbronn habe ich mit Eröffnung der Lernwerkstatt „Social Media Balloon“ diesem neuen Verständnis des Miteinanders Rechnung getragen. In meiner Lernwerkstatt erfahren zukünftige Social Media Manager und Managerinnen was es bedeutet, teamorientiert gemeinsam aktiv die Zukunft zu gestalten und dies im direkten Dialog mit Fach- und Führungskräften der Wirtschaft und Wissenschaft.

Welche (neuen) Ansprüche stellen typische Vertreter der Generation Y an ihren Job und was bedeutet das für Arbeitgeber?

Von ihrem Wunscharbeitgeber erwarten Digital Natives nichts Geringeres als ein freundschaftliches Arbeitsklima, Kreativität, Flexibilität und nebenberufliche Perspektiven. Zudem Entwicklungsmöglichkeiten, Risikobereitschaft, attraktive Aufgaben mit persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten, Anerkennung der erbrachten Leistung sowie Zielorientierung.
Besonderen Wert legen sie auf Informationen zu Unternehmenswerten und -normen wie Diversity, Nachhaltigkeit, Unternehmenskultur und soziale Verantwortung. Mitarbeiter wollen zwar brennen, aber nicht ausbrennen. Sie erwarten Rahmenbedingungen, die zur Entschleunigung beitragen, um das Risiko von Burn-Outs zu verringern. Von zentraler Bedeutung ist, dass Sie eine emotionale, authentische Ansprache auf Augenhöhe erfahren. 

Hat die Generation Y das Potenzial und die Macht, die Arbeitswelt von morgen zu verändern und wenn ja, wie?

Qualifiziert, selbstbewusst, anspruchsvoll, ständig in der Feedback-Schleife – diese jungen Fach- und Führungskräfte werden Kultur und Alltag in den Unternehmen komplett neu aufrollen und ihren Vorstellungen gemäß generationsübergreifend neu gestalten. Es werden insbesondere die „High Potentials“ dieser Generation sein, die als eine Art „Katalysator“ in den Unternehmen wirken werden, indem sie den Einzug der Mitmach-Medien des sogenannten Social Web herbeiführen und etablieren.
Diese Generation schätzt besonders den Wandel der Arbeitswelt und will durch neue, offene Wege Karriere machen. Die legendäre gläserne Wand wird insbesondere von hochqualifizierten jungen Frauen nicht mehr stillschweigend akzeptiert. Diese Generation verlangt eine wirklich gelebte Gleichstellung von Mann und Frau im Arbeitsalltag, um nicht irgendeinen Job sondern ihren Traumjob mit Leidenschaft und Charisma ausüben zu können. Der Spruch: „Wer arbeitet denn noch für Geld, das ist doch eine Selbstverständlichkeit!“ wird zum Standard im Rahmen von Einstellungsgesprächen avancieren. Man wird massiv um Talente buhlen mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Teilzeit-Führungsstellenangeboten, flexiblen Arbeitszeiten, die eine optimale individuelle Work-Life-Balance ermöglichen, Geschäftsreisen, die nach Absprache zu einem Familienurlaub verlängert werden und Wohlfühloasen als Büroräume.  

Was kann die Gesellschaft von den typischen Vertretern der Generation Y lernen?

Der Rest der Gesellschaft kann lernen, das Arbeitsleben entspannter zu sehen und sich Wohlfühl-Oasen bewusst ohne schlechtes Gewissen auch während der produktiven Arbeitsphase selbst zu erlauben. Präsenszeit ist nicht automatisch gleich zu setzen mit Produktivität in unserer Wissensgesellschaft. Wir können unserer Produktivität sowie die Work-Life-Balance extrem verbessern, wenn wir ein Gefühl dafür entwickeln, wie sich eine sinnvolle Substitution von physischer durch digitale Nähe realisieren lässt. Die Ypsiloner machen es vor, lassen wir uns darauf ein.
Mich persönlich fasziniert die extreme „Tool-Affinität“ unserer digitalen Cowboys und ich eifere ihnen gerne nach, da der Output qualifizierte Lebenszeit also Zeit für physische Nähe zu meinem Sohn Constantin (9 Jahre alt und Vertreter der Generation Z) bedeutet. Mir macht es großen Spaß mit meinen digitalen Cowboys auf unseren virtuellen Pferden (d.h. Notebook, mobile Devices) gemeinsam dem nächsten großen Abenteuer am Forschungshorizont Social Media Management entgegen zu reiten. Meine Arbeitstage sind durch unser gemeinsames Wirken sehr fordernd, aber unendlich sinnerfüllend. Diese Erfahrung wünsche ich allen Fach- und Führungskräften im freundschaftlichen Miteinander mit ihren Nachwuchskräften.

Was sind die Stärken und Schwächen der Ypsiloner?

Schwächen würde ich nicht dazu sagen, sondern eher Herausforderungen. Häufig hört man derzeit aus den Chefetagen der Wirtschaft folgendes Statement, auf die Fähigkeiten dieser jungen Mitarbeiter angesprochen: „So überfliegermäßig wie gedacht sind sie ja doch nicht“. Angeprangert werden die psychische Labilität, zu geringe eigenständige Denk-, Verstehens- und Gedächtnisleistung sowie hohe Defizite in der Konzentrationsfähigkeit sowie im Durchhaltevermögen und der Belastbarkeit.“
Besonders auffällig ist die ständige Absicherung von Entscheidungen durch Feedback-Einforderung und zu geringe Bereitschaft zur Selbstverantwortung und Resilienz (seelische Widerstandsfähigkeit). Sehr häufig beobachte ich die sogenannte Copy-and-Paste-Mentalität und viele Flüchtigkeitsfehler und Oberflächlichkeit nach dem Motto „Vielleicht komme ich ja durch und mein Gegenüber merkt es nicht“.
Der Spruch „Wissen ist Macht“ ist spätestens in dieser Generation obsolet. Wissen kann ich mir jederzeit aus dem Internet und/oder durch Kollaboration mit meinem Netzwerk in Facebook &Co mir aneignen, ich muss es nur finden und in meiner persönlichen Wissens-Cloud jederzeit verfügbar abspeichern. Herr Prof. Spitzer hat diese Mentalität vortrefflich mit  „digitaler Demenz“ betitelt.
Was lernen wir daraus? Vertreter der etablierten Generationen müssen sich zeitnah auf diese exzellent ausgebildeten, hoch motivierten, selbstbewussten, extrem wissensdurstigen Ypsiloner einstellen, um sie produktiv in den Berufsalltag integrieren zu können. Hierzu ist es notwendig, Arbeitsprozesse und -weisen, Kompetenzen und Führungsstile den geänderten Erwartungen anzupassen. 

Mit welchen Recruiting-Trends ist bis 2020 zu rechnen und wie gestalten sich diese?

Für die Jahre 2015/16 werden tendenziell mehr Investitionen im Bereich E-Recruiting sowie Personalmarketing eingeplant, da HR-Profis derzeit die operativen Ziele des Talentmanagements 2.0 bedienen müssen, was aufgrund des Fachkräftemangels in vielen Unternehmen nachvollziehbar ist. Aus Sicht der Recruiter rangieren derzeit auf Platz 1 Jobbörsen, gefolgt von Hochschul- sowie HR-Messen und Online-Bewerbungen vor den klassischen Stellenanzeigen in Printmedien.
In naher Zukunft, also in den nächsten 12 Monaten, wird der Weg von einem operativ-administrativen Recruiting hin zu einem strategisch geprägten Recruitainment führen, um Talente der Generation Y und Z (Geburtsjahrgänge nach 2000) für ein aktives Mitgestalten begeistern zu können.
In den nächsten zwei Jahren ist eine Etablierung sozialer Medien im Recruiting-Mix zu erwarten. Ein wichtiger Triumph im Kampf um die jungen Talente wird, neben kostspieligen Abwerbungsstrategien, vor allem das rasche Zugehen auf qualifizierte Kandidaten sein und zwar vornehmlich in Business- sowie sozialen Netzwerken.

Kurzprofil Prof. Dr. Sonja Salmen:
Prof. Dr. Sonja Salmen verfügt über jahrelange Industrie- und Beratungserfahrung im Bereich Marketing- und Vertriebsmanagement. Sie war maßgeblich am Aufbau des Studiengangs Wirtschaftsinformatik vormals Electronic Business an der Hochschule Heilbronn tätig und bildet in der Vertiefung Social Media und Relationship Management junge Talente der Generation Y aus.
Seit 2003 lehrt Frau Salmen Betriebswirtschaftslehre, Online Marketing, Social Media Management sowie Relationship und Strategisches Management im Umfeld des E-Business.
Außerdem ist sie Geschäftsführerin des Steinbeis Beratungszentrums für Social Media Management.  
Sie ist Autorin zahlreicher Bücher und Fachbeiträge und sieht den Schwerpunkt ihrer Forschungs- und Beratungstätigkeit in der Anwendungsorientierung.  Ihr neues Projekt, den Fachblog socialmediaballoon, versteht sie als Dialogplattform für interessierte Unternehmen und junge Talente des Studiengangs Wirtschaftsinformatik.
Kontakt: www.sonja-salmen.de , mail(at)sonja-salmen.de 

Buchtipp:
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