Der Business-Knigge ist kein Hipster

Expertin Melanie Vogel spricht über Authentizität im Berufsleben

Wir haben es geahnt: die Empfehlungen zur Kleiderwahl und dem Verhalten im geschäftlichen Kontext unterliegen keinen großen Schwankungen, das Wesentliche bleibt gleich. Dennoch schleicht sich neuerdings immer wieder das Wort Authentizität ein und gibt Freiraum zur individuellen Entfaltung. In gemäßigten Bahnen natürlich. Wir haben mit Melanie Vogel gesprochen, Initiatorin der women&work-Messe und Coach, die Humor für eine der wichtigsten Eigenschaften im Business-Leben hält.

Frau Vogel, beim Besuch von Karrieremessen ist uns aufgefallen, dass sich der Dresscode in den letzten Jahren gelockert hat. Stimmt dieser Eindruck? Gibt es überhaupt noch einen Dresscode? Wenn ja, für wen, und wie sieht dieser aus? 

Bei den Messen, die an den Hochschulen stattfinden, wird die Outfit-Frage definitiv entspannter gesehen. Auf Messen, die außerhalb von Hochschulen stattfinden, begegnen mir aber nach wie vor sehr gut gekleidete Bewerberinnen und Bewerber. Hier habe ich oft den Eindruck, dass gerade beim Dresscode nichts falsch gemacht werden soll, weshalb die Schar der Jobsuchenden häufig einheitlich gekleidet erscheint. Dabei ist aus meiner Sicht weder das eine noch das andere Extrem wirklich passend.

Business-Kleidung sollte dem Anlass entsprechend gewählt sein und zur Persönlichkeit passen. Das bedeutet, dass ich in einem Umfeld der Jobsuche durch meine Kleidung immer auch meine Ernsthaftigkeit der Jobsuche und meine Wertschätzung dem potenziellen Arbeitgeber gegenüber zum Ausdruck bringe. Jeans, Turnschuhe und T-Shirt finde ich in dem Kontext nicht angemessen – auch wenn man vor oder nach den Gesprächen wieder im Hörsaal sitzt. Bei den Karrieremessen an einer Hochschule sollte zumindest ein Blazer oder ein Sakko das Outfit ergänzen und ein Hemd oder eine Bluse das T-Shirt ersetzen.

Bei den Karriereevents außerhalb der Hochschule sind der klassische Anzug oder ein Kostüm nach wie vor die perfekte Wahl – aber auch ein Zweiteiler ist möglich. Generell gilt die Regel, dass im Business gedeckte Farben getragen werden. Es spricht aber nichts dagegen, durch Accessoires aufzulockern und einen bunten Schal oder eine einfarbig bunte Krawatte als Eyecatcher auszuwählen. Und gedeckte Farben sind auf gar keinen Fall nur schwarz oder grau! Auch hier kann man typgerecht auch noch die Farben Blau oder Braun oder Pastelltöne in die Auswahl nehmen. Und sich so schon wieder vornehm aus der Masse abheben.

Viele Menschen möchten authentisch sein, nur wenigen nimmt man das wirklich ab – woran scheitert es und wie erlangt man Authentizität? 

Authentisch sind wir dann, wenn wir wissen, wer wir sind. Wenn wir unsere Stärken und Kompetenzen genauso gut kennen wie unsere Begrenzungen und Schwächen. Kennen wir uns selbst nicht und sind wir uns nicht bewusst, in welchen Situationen wir wie reagieren, fehlt jede Geradlinigkeit und damit auch die Authentizität. Ich wirke dann in jeder Situation anders – und das verunsichert nicht nur einen selbst, sondern auch die Menschen, die mit einem zu tun haben.

Beim authentischen Auftritt sollte der Fokus daher auf der konsequenten Positionierung der eigenen Stärken und Kompetenzen liegen – niemals auf den Schwächen. Ein Unternehmen stellt Sie nicht ein, weil Sie Schwächen haben, sondern weil Ihre Stärken, Talente und Kernkompetenzen gefragt sind.

Ich selbst fühle mich immer dann besonders wohl in meiner Haut, wenn meine Stärken, Kompetenzen und Talente in den Umgebungen zum Einsatz kommen, wo sie gefragt sind und entsprechend wertgeschätzt werden. Und genau das sollte auch Ziel jeder Jobsuche sein: Ein (Arbeits-)Umfeld zu finden, das zur eigenen Persönlichkeit und der eigenen Lebens- und Arbeitsvision passt. Wenn das der Fall ist, brauchen wir an unserer Authentizität nicht mühsam arbeiten – wir sind es automatisch!

Sie beraten und fördern in erster Linie Frauen. Inwiefern können und sollten Frauen mit ihrer Weiblichkeit authentisch sein? Müssen sie die Haare wirklich zu einem strengen Knoten binden oder sich das Kinn etwas kantiger operieren lassen, wie es manche Karrieretipps ja beinahe nahelegen?

Um Himmel willen – das ist überhaupt nicht notwendig. Wir leben im 21. Jahrhundert in einem aufgeklärten Land. Coco Chanel soll mal gesagt haben „Die selbstsichere Frau verwischt nicht den Unterschied zwischen Mann und Frau – sie betont ihn“. Dem gibt es nichts hinzuzufügen…

Business Knigge 2015: Gibt es Trends?

Da bin ich überfragt. Ich glaube aber, dass wir in unserer globalisierten Welt und in dem internationalen Umfeld, in dem vielerorts gearbeitet wird, nicht über Knigge-Trends reden müssen. Bestimmte Verhaltensweisen und Dresscodes sind nicht trendanfällig.  Im Umgang mit anderen Menschen ist es wichtig, zuhören zu können und sich an den entsprechenden Stellen zurückzunehmen. Gegebene Hierarchien zu respektieren und den Mitmenschen Wertschätzung und Interesse entgegen zu bringen. Wichtig ist auch die Fähigkeit und Bereitschaft, andere Meinungen und Haltungen gleichwertig neben der eigenen Wertehaltung gelten zu lassen. Gleiches gilt für den Dresscode.

Entscheidende Fragen bei der Kleiderwahl sind: Bringe ich mit meinem Outfit A) meine Kompetenz, B) mein Interesse der Person, Position oder dem Unternehmen gegenüber zum Ausdruck und C) Ist meine Kleiderwahl so (wert-)neutral gewählt, dass ich damit mögliche Respekt- und Wertehaltungen anderer Menschen nicht verletze. Demzufolge wären zum Beispiel eine löchrige Jeans, ein schmutziges T-Shirt, unsaubere Fingernägel und ungekämmte Haare niemals geeignet, von A bis C einen guten Eindruck zu hinterlassen. 

Aus dem Nähkästchen: Welche Knigge-Pannen sind Ihnen im Berufsleben bisher begegnet? 

Auf Anhieb fallen mir keine Pannen ein – was nicht heißt, dass ich sie nicht gehabt habe. Im Gegenteil, es wird sie ganz sicher gegeben haben. Der Grund, weswegen ich mich nicht an sie erinnern kann, ist vermutlich, dass ich früh gelernt habe, Pannen und Unsicherheiten mit Humor und Selbstironie zu begegnen. Über sich selbst lachen zu können, ist im Business-Kontext aus meiner Sicht eine wichtige und erfrischende Eigenschaft, die manche Peinlichkeiten erspart und unangenehme Situationen schnell glatt bügelt, ohne dass jemand sein Gesicht dabei verlieren muss. Denn wie überall gilt auch hier: Nobody is perfect!

Über Melanie Vogel:
Melanie Vogel ist Beraterin, Trainerin, Referentin und Autorin für die Themen Futability®, Innovationsmanagement & Leadership. Sie ist ausgebildeter Innovation-Coach, Mitglied im Innovations-Netzwerk der Stanford University, zertifizierte Trainerin für Situatives Führen nach Ken Blanchard sowie Facilitator beim weltweiten, von den Vereinten Nationen und vom Dalai Lama geehrten VirtuesProject®. Als Initiatorin der women&work, Deutschlands größtem Messe-Kongress für Frauen, wurde sie gemeinsam mit ihrem Mann 2012 mit dem Innovationspreis „Land der Ideen“ ausgezeichnet. Weitere Infos unter www.womenandwork.de

Jetzt bewerben!

Flexible Studienfinanzierung für alle Abschlüsse, auch im Ausland

  • Plus Trainingsprogramm für dein volles Potenzial
  • Unverbindlich und ohne Fristen
  • Schnelle Entscheidung

Zur Online-Bewerbung