„Ich dachte immer, so Leute wie ich studieren da einfach nicht“ – Oxford-Absolventin und NGO-Gründerin Kristina Lunz im Interview mit der Deutschen Bildung

Kristina Lunz. © Waleria Schüle

von Isabelle Mittermeier

Kristina Lunz (29) hat das geschafft, was nur wenige in Deutschland schaffen: Sie ging zur Uni, obwohl niemand zuvor aus ihrer Familie an der Uni war. Sie ist für zwei Masterabschlüsse nach London gegangen, hat für die UN gearbeitet und jetzt eine NGO für feministische Außenpolitik mitgegründet. Sie ist den Weg zum Bildungsaufstieg trotz vieler Unsicherheiten gegangen und fordert ein Umdenken in der Politik und der Gesellschaft.

Wie kam es dazu, dass du dich dafür entschieden hast, zu studieren?

Als ich in der Grundschule war, wollte ich immer auf die Realschule, weil meine große Schwester und mein Vater dort waren, also meine Vorbilder. Eine Freundin von mir und ein Lehrer rieten mir aber zum Gymnasium und zum Ende der Gymnasialzeit hin, zog ich ein Studium mehr in Erwägung. Ich hatte mich auch auf Traineeprogramme beworben und auf das Psychologiestudium, weil ich dachte, dass man mit einem der besten Abi-Schnitte entweder Psychologie oder Medizin studieren muss. Also das war alles sehr wenig durchdacht.

Wie würdest du deinen Weg von der Psychologiestudentin in Mainz hin zur Masterabsolventin in Oxford beschreiben?

Ich hatte sogar erst begonnen Wirtschaftswissenschaften zu studieren, das aber abgebrochen. Als ich Psychologie studierte, merkte ich auch, dass das nicht das ist, was ich später machen möchte. Während des Studiums habe ich irgendwann von Stipendien erfahren und habe mitbekommen, dass dadurch auch Studienfinanzierungen  angeboten werden und auch Programme für Mentoring und Persönlichkeitsentwicklung. Als ich mich das erste Mal bewarb, wurde ich abgelehnt, weil ich zu umgangssprachlich sprach – durch meinen fränkischen Dialekt. Das war ziemlich schlimm. Irgendwann bin ich aufgenommen worden und habe mich für den Master in London beworben.

Wie hast du diese Chance und dein neues Leben in Oxford empfunden?

Das war der erste Schritt in eine exklusivere, elitäre Welt. Ohne Bestätigung von außen hätte ich mich nie getraut, irgendwohin außerhalb von Deutschland zu gehen. Ich dachte immer, so Leute wie ich studieren da einfach nicht. Ich habe dann erst mitbekommen, welche Parallelwelten existieren. Ich habe erst einen Master in Internationaler Politik gemacht, was mir sehr viel Spaß gemacht hat, aber ein Jahr war zu kurz. Deswegen habe ich mich für einen zweiten Master in Diplomatie beworben und wurde angenommen – mit einem Vollstipendium in Oxford.

Wie hast du es geschafft, dein Studium vor den Stipendien zu finanzieren?

Ich bin an die Uni in Mainz gegangen, weil mein Freund dort studiert hat und es finanziell leichter war, zusammen zu ziehen. Als wir dann in Wiesbaden wohnten, habe ich mir sofort einen Nebenjob in einer Nachhilfeschule gesucht. Ich habe sowieso immer nebenher gearbeitet, schon als Schülerin. Ich habe Nachhilfe gegeben, bei Siemens in der Werkstatt oder der Deutschen Post gearbeitet.

Warum denkst du, ist ein Bildungsaufstieg in Deutschland so schwierig?

Ich glaube, dass es in Ländern wie Großbritannien ein größeres Bewusstsein für Klassenungerechtigkeit gibt, als in Deutschland. Vor allem in konservativen Gegenden in Deutschland, wie zum Beispiel in Bayern, herrscht die Idee, dass du nur hart genug arbeiten musst, wenn du etwas erreichen willst. Dieses Leistungsprinzip stimmt aber einfach nicht, wenn eine Gerechtigkeitsanalyse  dem gegenüber steht. Bei uns fehlt das Verständnis für Klassenunterschiede und für Privilegien. Ich glaube auch, dass es in Deutschland keine wirkliche Bereitschaft gibt, über dieses Thema zu reden. Zudem wird einfach viel zu wenig Geld in Bildung investiert. Wenn man diese Ausgaben mit anderen Bereichen, wie zum Beispiel Ausgaben für Verteidigung vergleicht, ist das einfach viel zu gering. Das Thema Bildungsgerechtigkeit ist viel zu wenig auf der politischen Agenda, gleichzeitig kommen die Entscheider in der Politik aus Schichten, die mit dem Thema selbst keine Erfahrungen gemacht haben und sich dessen nicht bewusst sind.

Was muss deiner Meinung nach konkret getan werden, um das Problem der Chancenungerechtigkeit zu verändern?

Immer wieder darüber reden, schreiben und dafür sorgen, dass alle, die diesen Bildungsaufstieg erreichen wollen, ihn auch schaffen können. Leute ermutigen, dass, wenn sie es geschafft haben, darüber zu reden. Wenn mir die Bühne gegeben wird, darüber zu sprechen, thematisiere ich das Problem immer. Ich will darauf aufmerksam machen, in welcher Gesellschaft wir leben und dass ein Bildungsaufstieg nichts Besonderes sein darf.

Denkst du, dass viele Leute über ihre erlebte Chancenungerechtigkeit nicht gerne sprechen, weil sie sich schämen?

Ja, das hängt ja an sich mit dem Thema Armut zusammen. Menschen schämen sich dafür, arm zu sein. Eigentlich müsste sich eine Gesellschaft dafür schämen, vor allem so eine reiche Gesellschaft wie Deutschland, dass es so viele arme Menschen gibt und Menschen, die den Bildungsaufstieg nicht schaffen können. Da müsste die Scham liegen, aber meistens liegt sie wirklich bei den Menschen, die nichts dafür können, weil das System sie im Stich lässt.

Du hast viele Hürden gemeistert und deine eigene Unsicherheit überwunden. Was hat dir dabei geholfen?

Das war ein sehr langer Prozess. Was mir auf jeden Fall sehr geholfen hat, war, dass ich Zugang zu mehreren Netzwerken hatte und sehr spannende Menschen kennengelernt habe. Auch, als ich zum ersten Mal über Feminismus, Diskriminierungssysteme und Macht nachgedacht habe und wie Gesellschaft funktioniert. Was ich dann verstanden habe, ist die Tatsache, dass Menschen wie ich, mit meinem Hintergrund, in den meisten privilegierten Foren keine Stimme haben und nicht vertreten sind. Das hat nichts damit zu tun, dass wir nicht so gut, nicht so schlau oder was auch immer sind, sondern dass es eine strukturelle Benachteiligung gibt.

Welchen Rat würdest du jungen Menschen geben, die selbst unsicher sind, ob sie den Aufstieg schaffen können?

Es ist extrem wichtig, an sich selbst zu glauben und negative Selbstselektion – also sich erst gar nicht erst zu bewerben –  zu vermeiden. Die Tatsache, dass so viel mehr Akademikerkinder als Arbeiterkinder studieren, hat auch damit zu tun, dass auch wir uns sehr stark selbst ausselektieren. Das hätte bei mir auch fast dazu geführt, dass ich nicht studiert hätte. Wenn ihr einen Anstoß von außen braucht, sucht euch Mentoren und einen Freundeskreis, damit ihr euch gegenseitig pushen könnt. Ein großes Problem ist auch der Zugang zu Informationen, den Privilegierte schon von Geburt an haben und andere nicht. Also fragt Leute, bittet um Informationen, hört einfach nicht auf zu fragen, fragen, fragen!

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