Ich wollte niemals nach ... Gießen

Foto: Peter Clasen

Graue Bauten und trotzdem liebenswert

von Christina Bender

Auf den Plätzen der „hässlichsten Städte Deutschlands“ schafft es Gießen regelmäßig auf die ersten Ränge. Doch trotz grauer Bausünden lernen die studentischen Neuzugänge ihre neue Stadt schnell lieben – und kommen häufig nicht mehr von ihr los. Eine Liebe auf den zweiten Blick.

Eine Stadt im Zeichen der Uni
Nirgendwo in Deutschland herrscht eine höhere Studentendichte als in Gießen: Fast die Hälfte der rund 80.000 Einwohner sind Studenten. Insbesondere für die Studiengänge der Human- und Veterinärmedizin sowie die Rechts- und Geisteswissenschaften ist die hiesige Justus Liebig Universität bekannt. Doch auch im Bereich der Wirtschaftswissenschaften braucht sich die Stadt nicht verstecken. Mit der Technischen Hochschule Mittelhessen bietet sich hierfür sogar noch eine weitere Studienstätte. Kein Wunder, dass sich dies im gesamten Stadtbild wiederspiegelt. Die Gebäude verteilen sich auf die ganze Stadt. Als Campus gilt das Phil I und Phil II. Doch die insgesamt drei Mensen, neun Cafeterien und ebenso viele Wohnheime lassen das Studi-Lleben auch in dem Rest der Stadt aufleben.

Ein Blick nach oben genügt
Dass Gießen nicht unbedingt den Schönheitspreis in Sachen Architektur verdient, ist spätestens dann klar, wenn man einen kurzen Blick auf das "Elefantenklo" riskiert: eine Fußgängerüberführung mit drei großen Löchern. Man munkelt sogar, dass Architekturstudenten extra nach Gießen fahren, um zu sehen, wie man es nicht macht. Dass auch die restliche Infrastruktur nicht sonderlich glänzt hat leider einen traurigen Grund: Im zweiten Weltkrieg wurde die Stadt zu 75 Prozent zerstört. Die neuen Bauten mussten schnell und mit wenig Schnickschnack hochgezogen werden. Von der historischen Altstadt bleibt seither nicht mehr viel zu sehen. Doch wer in Gießen hin und wieder einen Blick nach oben wirft, findet sie doch noch: Einzigartige und wunderschöne Schmuckstücke zwischen den vielzähligen Nachkriegsbauten - die so noch ein Stückchen besonderer wirken.

Ruhig oder laut? Geht beides
Aber auch ohne Blick an die Fassaden findet man viele schöne Ecken in Gießen, die man beim ersten Eindruck schnell übersieht - und sich beim zweiten Eindruck fragt, wie das überhaupt möglich war. Im Sommer laden die Lahnwiesen, die Wieseckaue und der Schwanenteich zu geselligen Runden und Grillsessions ein. Wer sich lieber bedienen lassen möchte, findet seinen Weg zur "Strandbar": Dank aufgeschüttetem Sand, chilligen Beats und der angrenzenden Lahn kommt schnell Sommerfeeling auf. Im Winter verwandelt sich das angrenzende Gebäude zur Schneehütte mit Glühwein und Aprés-Ski-Feeling. Wem eher nach Ruhe ist, wird in dem ältesten Botanischen Garten, der sich noch an seinem ursprünglichen Standort befindet, fündig: In der grünen Oase herrscht eine ganz eigene Atmosphäre, die Zeit zum Spazieren und Entspannen verspricht.

Ach, diese Theaterleute ...
... ein Satz, den man in Gießen sicher häufiger hört. Das Theater nimmt eine prägende Rolle in Gießen ein. Von überregionalen Opern, Musicals, Konzerten, Schauspiel- und Tanzstücken im bekannten Stadttheater, über experimentelle Aufführungen im Löbershof bis hin zu englischen Stücken im Keller Theater ist alles vertreten. Wem eher nach Poetry Slam und Co. ist, wird ebenfalls nicht enttäuscht. In vielen Studentenkneipen und -einrichtungen gehört dies zum regelmäßigen Programm.

Langeweile? Gibt es nicht
Besonders im Sommer. Denn da bieten sich vielzählige Möglichkeiten, in der Natur aktiv zu werden. Ob zum Klettern auf dem Schiffenberg, einer Paddeltour auf der Lahn oder einer Runde Wasserski auf dem Heuchelheimer See (zugegeben, nicht direkt in Gießen), das hessische Land bietet hier einige Möglichkeiten. Ein ganz besonderes Sporthighlight bietet die alljährliche "Sport Dies": Neben Turnieren und Shows wird bis in die Nacht auf dem Sportgelände gefeiert. Ganz in Studentenmanier wird das Event von dem Allgemeinen Hochschulsport der Universität organisiert.

Rücksicht auf den Studentengeldbeutel
Die hohe Studentendichte führt dazu, dass sich die Preise auch immer am Portemonnaie der Einwohner orientieren. Die vielen Unicafeterien sorgen dafür, dass man günstig an Getränke und Essen gelangt. Darüber hinaus halten viele Restaurants, Clubs und Kultureinrichtungen wie das Mathematikum oder das Stadttheater spezielle Studipreise bereit. Ein weiterer Tipp: Dank des Semestertickets gelangt man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ohne Mehrkosten in die umliegenden Städte, wie das 60 Kilometer entfernte Frankfurt.

Clubszene erwartet? Dann besser nach Frankfurt
Für seine große Clubauswahl ist Gießen nicht unbedingt bekannt. Stattdessen steigt nahezu täglich irgendwo eine WG-Party. Daneben ruft die Ludwigstraße zum Kneipenhopping oder die Musikkeller Ulenspiegel, Monkeys, MuK und Scarabée zum Feiern ein. Biergärten gibt es ebenfalls in ausreichender Fülle. Ein Clubfeeling Silberstreifen versprüht die Admiral Musiclounge. Und regelmäßige Veranstaltungen wie das Bruchstraßen- und Stadtfest sowie der Gießener Kultursommer bringen bekannte Bands und Sänger auf die Bühnen. Auf dem Heimweg führt der Weg schließlich traditionell zum "Dönerdreieck", das mittlerweile eher ein Dönerfünfeck ist.

Man sieht sich immer zweimal ... oder öfter
Die überschaubare Partyszene und der gewohnte Gang in die Stammkneipe führen auch dazu, dass man in Gießen niemanden nur einmal trifft. Das mag vielleicht nicht immer gewollt sein, in den meisten Fällen ist die Freude und / oder Erleichterung aber groß, in der neuen Unistadt immer wieder auf bekannte Gesichter zu stoßen. Neulinge fühlen sich so schnell zu Hause - dafür sorgen auch die Fachschaften und Asta mit einem ganzjährigen Allroundprogramm.

"Du bist so hässlich und grau, ich glaub du stehst auf Beton"
Es gibt Sie: Eine gesangliche Hommage an Gießen. Auf den ersten Blick preist die Band OK Kid die Stadt im Song "Stadt ohne Meer" nicht unbedingt an. Auf den zweiten Blick umso mehr. Und genau das beschreibt das Gießener Heimatgefühl besser als es irgendein Reiseführer könnte. Gießen ist eine Liebe auf den zweiten Blick. Eine ganz große. Und wer diese erstmal gefunden hat, kommt so schnell nicht mehr von ihr los.

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