Leben für den Lebenslauf?

Interview mit Melanie Vogel und Stefanie Zimmermann

Mein Auslandsaufenthalt, mein Praktikum, mein Studium: Sind das die Zutaten, die das Karriereglück versprechen? Ja, glauben viele Studenten und bemühen sich um den vermeintlich idealen Werdegang, den sie Arbeitgebern präsentieren können. Authentische Interessen und persönliche Schlenker, die die Persönlichkeit formen, fallen im Lebenslauf-Wahn hinten runter. Das erzeugt eine Flut von austauschbaren Werdegängen, mit denen keiner mehr auffällt. Und es muss nicht sein, sagen zwei Karriere-Expertinnen, die wir interviewt haben. Wir zeigen dir, was Melanie Vogel, Initiatorin der Messe women & work und Stefanie Zimmermann vom Staufenbiel Institut zum Thema Lebenslauf denken.

„Leben statt Lebenslauf – die Jagd nach dem perfekten Werdegang macht alle verrückt. Muss das wirklich sein?“ Mit diesem Thema titelte vor kurzem die ZEIT Campus. Bemerken auch Sie die Tendenz der Studenten, für ein Papier zu leben, das man am Ende seinen „Lebenslauf“ nennt? Oder was sind Ihre Beobachtungen?

Stefanie Zimmermann:
Viel interessanter ist doch, was hinter diesem Lebenslauf-Tuning steckt: Ein Erfolgsdruck, der alles überstrahlt. Versagensängste bestimmen die Lebenslaufplanung. Dabei vergessen Studenten – und ihre Eltern, die ja immer noch großen Einfluss ausüben – oft, dass auch abseitige Erfahrungen die Persönlichkeit reifen lassen und so ein wichtiger Baustein für die Karriere sind.

Melanie Vogel: Ja, die Tendenz für den Lebenslauf zu leben, bemerke ich auch - gekoppelt oft mit einer großen Unsicherheit und der Frage "Wie viel Freiheit darf ich mir nehmen?" und "Was ist erlaubt?". Sehr viele Karriereentscheidungen werden vernunftbezogen getroffen und nicht aufgrund von Spaß, Talent, Bauchgefühl und eigenen Visionen. Das halte ich für einen großen Fehler, denn die Gefahr das eigene Leben auf den Erwartungen Fremder aufzubauen, ist dadurch natürlich extrem hoch. 

Mein Auslandsaufenthalt. Mein Praktikum. Mein schnelles Studium. Ist das die einzig glückbringende Zauberformel für einen erfolgreichen Berufseinstieg? 

Stefanie Zimmermann:
Auf keinen Fall. Wer sein Leben so durchtaktet, hat keine Zeit, nach links oder rechts zu blicken – Erfahrungen zu machen, die einen auch menschlich weiterbringen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man den Job gar nicht mag, auf den man so zielstrebig hingearbeitet hat. Unsere Studie Staufenbiel Jobtrends Deutschland 2013 hat übrigens ergeben, dass Personalentscheidern die Studienschwerpunkte am wichtigsten bei der Stellenbesetzung sind (83 Prozent), die Studiendauer ist dagegen nur für 42 Prozent entscheidend. Das ist doch ein eindeutiges Votum. 

Melanie Vogel: Meiner Meinung nach nicht. Im Gegenteil, es ist eher gefährlich, sich nur darauf zu konzentrieren. Ja, Praktikum und Auslandsaufenthalte sind wichtig - aber genauso wichtig ist der Blick über den Tellerrand, die Kenntnis der eigenen Stärken und Kerntalente und das Bewusstsein darüber, dass es in unserer heutigen Multioptionen-Gesellschaft zwingend notwendig ist, diese Stärken und Kerntalente in sich permanent verändernden Arbeitsumgebungen anwenden zu können. Die heutigen Absolventen werden mindestens bis 67 arbeiten müssen - das sind für viele mehr als 40 Jahre. Wenn wir überlegen, wie unsere Gesellschaft, Wirtschaft und die technischen Errungenschaften vor 40 Jahren aussahen, so wird deutlich, dass wir in der heutigen, schnelllebigen Zeit flexibel und anpassungsfähig sein müssen, um auch in Zukunft noch arbeitsmarktfähig sein zu können. Das schaffen wir aber nicht, wenn wir uns statisch an unseren Lebenslauf klammern und nur das tun, was andere für richtig halten. Die Frage nach dem eigenen Glück und der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens und der eigenen Arbeitsleistung halte ich für wichtige Säulen der Persönlichkeitsentwicklung - und die sollte bei allem Streben nach Leistungsfähigkeit auf keinen Fall unterschlagen werden. 

Was empfehlen Sie Studenten, deren Werdegang auch von Lücken und Umwegen gekennzeichnet ist? Müssen sich diese Kandidaten wirklich um ihre Zukunft sorgen? 

Stefanie Zimmermann:
Viele erfolgreiche Persönlichkeiten haben Lebensläufe mit Brüchen. Wer gut ist, wird auch seinen Weg finden. Wichtig ist, dass Bewerber mit Lücken es verstehen, ihre Stärken herauszustellen. Sie neigen dazu, sich selbst auf ihre Schwächen zu fokussieren, aber es ist viel wichtiger, plausibel erklären zu können, warum man den einen oder anderen Weg eingeschlagen hat. 

Melanie Vogel: Meiner Meinung nach nicht. Sie werden vielleicht von bestimmten Unternehmen nicht in die engere Auswahl genommen, aber es wird genügend andere Unternehmen geben, die klug genug sind, hinter die Fassade "Lebenslauf" zu schauen und den Menschen zu suchen, der in dem Unternehmen arbeiten möchte. Mein Lebenslauf ist übrigens auch nicht geradlinig. Und so schmerzhaft manchmal meine Umwege auch waren, sie haben mich gestärkt und mir Erfahrungen ermöglicht, die mir sonst verwehrt geblieben wären. Das ist unbezahlbar! Ich kann Studenten nur ermutigen, Umwege zu gehen, aus Fehlern zu lernen und den Mut zu haben, auch mal unkonventionelle Entscheidungen zu treffen.  

Ein Lebenslauf soll überzeugen. Doch was überzeugt?

Stefanie Zimmermann:
Ich rede jetzt mal eher vom Werdegang als vom Lebenslauf. Überzeugend finde ich die Menschen, die selbst von dem überzeugt sind, was sie machen oder gemacht haben. Das gilt auch für Ehrenämter. Wer sich nur engagiert, weil es im Lebenslauf gut aussieht, kann damit sogar unangenehm auffallen. Wer aus Überzeugung einen Umweg genommen hat und dies auch gut begründen kann, hat gute Karten. Verlegenheitserklärungen sind dagegen wenig überzeugend. 

Melanie Vogel: Nicht der Lebenslauf soll überzeugen, sondern der Mensch, der den Lebenslauf verkörpert, das ist ein großer Unterschied! Überzeugend ist ein Mensch für mich dann, wenn er seine Entscheidungen begründen kann, wenn er Leidenschaft und Spaß ausstrahlt an dem, was er macht oder noch machen will. Ich möchte bei Bewerbern ein Leuchten in den Augen sehen - eines, das ich auch habe, wenn ich an meine Arbeit denke, die mir Spaß macht und die ich die meiste Zeit des Tages sehr gern ausführe. Dann überzeugt mich ein Mensch - und dann haben wir noch nicht über Noten, Praktika oder Auslandsaufenthalte gesprochen. Die sind dann für mich persönlich ein ganz toller Bonus - aber ich kann auch gerne auf sie verzichten, wenn der Mensch mir gegenüber Leidenschaften und Visionen verkörpert. Denn die kann ich - anders als alle fachlichen Kompetenzen - nicht in einem Seminar vermitteln.  

Ist Ihnen bisher ein Lebenslauf begegnet, der Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist? Wenn ja, warum? 

Stefanie Zimmermann:
Man erinnert sich ja immer an das Besondere. Ich erinnere mich an eine Studentin, die aus einer Arbeiterfamilie kam und gegen den Widerstand ihrer Familie ein Studium aufgenommen hat. Sie hat nicht nur hart für das Studium arbeiten müssen, sondern es sich mit mehreren sehr anstrengenden Nebenjobs finanzieren müssen. Dieser unbedingte Wille, es zu schaffen, hat mich sehr beeindruckt.  

Melanie Vogel: Ich kann mich tatsächlich nicht an die Lebensläufe erinnern, aber ich kann mich an Menschen erinnern, die mir in Erinnerung geblieben sind. Eine Praktikantin z.B., die sich vor einigen Jahren völlig formlos beworben hat - aus deren Anschreiben aber eine Lust und Begeisterung für unser Praktikum sprühte, die mich umgehauen hat. Sie ist ein Mensch, an den ich mich nach wie vor gern erinnere, denn sie war eine der besten Praktikantinnen, die wir je hatten.

Stefanie Zimmermann ist Chefredakteurin des Staufenbiel Karrieremagazin.

Melanie Vogel ist Organisatorin der women & work, Deutschlands größtem Messe-Kongress für Frauen.

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