Studienalltag anderswo: Über Umweltbewusstsein und eine weltweit geteilte Studienerfahrung

Geförderte Ariane Vera berichtet über die Reise an die Universität UNICACH in Chiapas, Mexiko

von Ariane Vera

Ariane Vera, Geförderte der Deutschen Bildung, studierte an der University of Aberdeen und dem Trinity College Dublin. Ende vergangenen Jahres zog sie nach Mexiko, wo sie als Singer-Songwriter, Kolumnistin, Speaker und über die Sozialen Medien ihre Stimme dem Klimaschutz widmet. Hier traf sie Studenten der UNICACH und erzählt von ihren Eindrücken.

Ich bin Geförderte der Deutschen Bildung. Vor zwei Jahren habe ich mein Studium der Internationalen Beziehungen und Englischen Literatur an der University of Aberdeen (Schottland) mit Auslandssemester am Trinity College Dublin mit First Class Degree abgeschlossen. Es war nicht immer ein leichter Weg - im Nachhinein wurden mir Hürden bewusst, die anderen unsichtbar blieben. Ich stamme nicht aus einer klassischen Akademikerfamilie. Und ich habe einen Migrationshintergrund. Weder das eine, noch das andere habe ich als Nachteil betrachtet - ganz im Gegenteil. Ich habe es als Bereicherung kennen gelernt  -  und so konnte ich nach dem Studium neben einem breiten, interdisziplinären Wissen meines Studiengangs einiges an (Lebens-) Erfahrungen mitnehmen. Mein Traumstudium legte mir in vieler Hinsicht jene Weichen, auf denen ich heute fahren darf. Hier in Mexiko wollte ich wissen, wie die Studenten vor Ort ihr Studium erleben und was uns verbindet.

 Kaffee aus Chiapas 

Die Hitze wäre nicht so stark gewesen, wäre sie nicht in Kombination mit einer unglaublichen Schwüle gekommen. Die Luft glich dem Teppich eines Tropenhauses, der einem gegen das Gesicht klatschte, sobald man die Tür geöffnet und den ersten Schritt nach vorne gewagt hatte.In meiner Hand hielt ich Pozol, ein traditionelles Getränk basierend auf Mais, Kakao und Zucker. Vor mir flatterte ein Schmetterling mit Spannweite eines DIN A4 - Blattes, als wolle er mir den Weg zum Campus zeigen. Ich duckte mich unter den Ästen eines Baumes, bevor ich auf den gepflasterten Weg trat und den Professoren zum Hauptgebäude folgte.

Ich war als Referentin über Nachhaltigkeit für den Studiengangs Agrarwissenschaften an der UNICACH (Universidad de Ciencias y Artes Chiapas) auf dem Weg in den Hörsaal. Die Universität liegt im mexikanischen Staat Chiapas, im Süden des Landes. Der Fokus meines Vortrages lag auf den Beziehungen zwischen Chiapas und Deutschland mit Blick auf den Kaffeeanbau - was können bewusste(re) Entscheidungen in Deutschland im Hochland von Chiapas bewirken?

Mangos statt Himbeeren

„Du bist etwas zu früh für die Mangos gekommen.“, bemerkte Moisés Hussein Chavez, Professor und Forscher im Bereich der Agrarwissenschaften und Nachhaltigen Entwicklung.

„Die Mangos?“, fragte ich erstaunt und meine Augen folgten seinem Zeigefinger, der auf einen Mangobaum deutete. An der großen Baumkrone hingen einige Mangos, deren Schale farblich noch dem Grün der üblichen Blätter glich. „Wenn die Mangos reif sind, pflücken wir uns eine vor dem Unterricht.“ Ich dachte an die Streuobstwiesen und Himbeersträucher meiner deutschen Heimat im Raum Leinfelden- Echterdingen, an denen ich oft während meiner Semesterferien vorbei gejoggt war.

Gelegentlich machten sich geografische Distanzen ganz einfach an den Früchten an den Bäumen bemerkbar. Seitdem ich in Mexiko wohne, stolpere ich öfter auf dem Pflasterstein über Datteln, die von den Palmen am Straßenrand heruntergefallen sind.

Wie ist es, in Mexiko zu studieren?

Es kommt darauf an. Die Hauptstadt Mexikos ist stolze Heimat eine der renommiertesten Universitäten Lateinamerikas - auch im weltweiten Ranking schneidet die UNAM (Universidad Nacional Autónoma de Mexico) mit Nennung unter den 100 besten Universitäten hervorragend ab. Mexiko ist ein warmes Land - in jeder Hinsicht. Die Menschen sind aufgeschlossen, das Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden immer herzlich, ja freundschaftlich.

Chiapas ist ein Staat im Süden, in welchem eine der weltweit reichste Biodiversität zu finden ist. Somit bietet sich dort ein Studium beispielsweise im Bereich der Biologie, oder Agrarwissenschaften an, auch Master im Bereich Nachhaltige Entwicklung werden hier angeboten. Das Bioreservat steht vor der Tür, der Reichtum der Natur nur einen Blick aus dem Fenster des Klassenzimmers entfernt.

Vielseitigkeit in Chiapas

Chiapas hat in den 1990er Jahren international Aufsehen erregt - die sogenannten „Zapatisten“ protestierten als Folge des 1994 abgeschlossene Handelsabkommen der nordamerikanischen Staaten Canada, USA und Mexiko. Proteste in damaligen Ausmaß gibt es heute nicht mehr.

Heute verbindet man den Namen Chiapas mit beeindruckender Natur, dem Kaffeeanbau, der indigenen Bevölkerung (hauptsächlich der Maya angehörend) und der als „magischen Stadt“ bezeichneten San Cristobal. Nicht umsonst nennt man sie „die europäischste Stadt Mexikos“ - hier schweben allerlei Sprachen über die bunten Straßen, zwischen kleinen Cafés und Restaurants, Kunstgalerien, moderner mexikanischer Küche, und traditionellen Kleidungsstücken, die feilgeboten werden. Nicht weit entfernt liegen Wasserfälle, archäologische Ausgrabungsstätten und Naturreservate.

Studium und der Blick darüber hinaus

Die Nähe zur Natur spiegelt sich in einem beeindruckenden Umweltbewusstsein von Seiten der Studenten und Studentinnen in Villa Corzo wider. „Wir wollen es besser machen, als die Generationen vor uns“, sagt Emanuel, der mir eine Tour durch den an den Campus anliegenden Garten gibt. „Hier kultivieren wir eigenes Gemüse. Und wir führen einige Experimente für den Unterricht durch.“ Er zeigte uns den Anbau von Kaffeepflanzen, einige unter Schatten, einige unter der prallen Sonne. Der Unterschied sticht sofort ins Auge - der Kaffee unter Schatten zeigt stark dunkelgrüne Blätter und eine hohe Anzahl an Kaffeekirschen, während die in der prallen Sonne stehenden Pflanzen deutlich mit der Hitze zu kämpfen hatten. Kaffee aus ökologischem Anbau wird meist im Schatten anderer Bäume kultiviert, die ebenso Nährstoffe austauschen und weitergeben und so die auf Chemie basierende Dünung ersetzen. Deutschland ist einer der größten Abnehmer für den aus Chiapas aus ökologischem Anbau stammenden Kaffee.

Nicht viel weiter von den Kaffeepflanzen war ein großflächiges Gehege abgegrenzt, Zuhause einer Vielzahl an Vögeln und Pflanzen. Das Vogelhaus war Projekt einiger Studierender des Abschlussjahrgangs. Von Grund auf planten sie sie alles in eigener Initiative, erarbeiteten die  finanziellen Mittel für die Durchführung ihres Projekts während ihrer Semesterferien. Ganz zu schweigen vom Bau des eigentlichen Geheges - selbst zwei Teiche hatten sie angelegt, in diesen hausen nun Schildkröten, Fische und ein kleiner Kaiman, der mit dem Namen „Dino“ getauft worden war. „Der Kaiman wurde gespendet“, erklärte einer der Studierenden, „ein Polizist fand ihn am Straßenrand, er wusste von unserem Projekt und hat bei uns angefragt.“

Zwischen dem ganz normalen Wahnsinn an Examen, Wohngemeinschaft, Hausarbeiten, und Nebenjobs, gibt es etwas, was mir noch nie begegnete war - eine Verbindung zur Natur, die jedes je gesehene Umweltbewusstsein übertraf.

Feuerlöschen in den Semesterferien

„Die Waldbrände sind manchmal nur mit Regen zu löschen.“, sagen sie, und zeigen auf die Hügelkette, die  in der Ferne zu sehen war. „Vor ein paar Tagen sah man dort noch Rauchwolken. Vegetation, hunderte an Jahren alt, verbrennt innerhalb von einigen wenigen Momente. Die dort lebenden Tiere - Affen, Jaguare, Vögel, sie sterben. Das schmerzt.“

Einige Studierende verbrachten ihre Ferien freiwillig auf der brennenden Hügelkette. Mit der lokalen Feuerwehr bekämpften sie die dort wütenden Waldbrände. Etwas, was für sie ganz selbstverständlich zum Studienalltag gehörte. „Am Anfang ist es schon beängstigend. Vor allem, wenn man dem sogenannten Kopf des Feuers gegenübersteht. Aber dann musst du einfach alles vergessen, sonst kannst du nicht weiter arbeiten.“

Waldbrände sind jedes Jahr wieder ein großes Problem - 90 % davon werden vom Menschen verursacht. Viele unwissende Landbesitzer zünden unkontrolliert ihr Land an, mit der Absicht es anschließend  besser zu bewirtschaften - der Brand gerät meist außer Kontrolle und wütet über das Land.

Alejandra Castillejos, die vor zwei Jahren ihr Studium abgeschlossen hatte, verbindet ihr Wissen mit ihrer Leidenschaft für Fotografie. Ausgezeichnet für ihre die typische Flora und Fauna dokumentierende Fotografien, organisierte sie eine Ausstellung, die unter Anderem vom Aussterben bedrohte Arten zeigte. Ihre farbenfrohe Kunstwerke - Pflanzen, Vögel, Wasserfälle, Sonnenuntergänge - lassen nicht unberührt. Wie kann der Mensch sich erlauben, die Natur mit einer so ungebremsten Selbstverständlichkeit zu zerstören?

Was bedeutet (m)ein Studium?

Auf die Frage hin, was die Studenten an ihrem Studium schätzen, erhielt ich vielseitige Antworten. Eines aber hatten diese alle gemein: eine große Leidenschaft, Wertschätzung, und Dankbarkeit.

„Mein Studium erfüllt mich“, sagt Ingrix, die in der Sierra Morena, inmitten von Kaffeeplantagen, aufgewachsen war. „Gelegentlich ging bei uns im Dorf die Kaffeeproduktion zurück und uns fehlte es an Wissen - wir wussten nicht warum und vor allem nicht, was zu tun. Mein Studium schenkt mir lang gesuchte Antworten und ich kann mein Wissen direkt anwenden. Ich weiß, unter welchen Bedingungen die Kaffeepflanze am besten wächst, weiß, wie man den Kaffeeanbau organisiert im Hinblick auf (natürliche) Düngemittel, die Pflege der Pflanzen, und auch die Krankheiten, welche eine Pflanze befallen können.“

Emanuel ergänzt: „Manchmal reicht es nicht, nur Initiative zu zeigen - man muss es auch auf richtige Art und Weise umsetzen. Wenn wir nicht über das nötige Wissen verfügen, richten wir mehr Schaden zu, als der Natur Gutes zu tun.“

Die Universität organisierte vor kurzem erst eine „Trash-Challenge“ - auf der gesamten Straße, die von der Universität ins nächste Dorf führt, sammelten sie Müll ein, der am Wegrand gelegen hatte. Einige Wochen später fand man dort schon wieder Müll herumliegen. Davon lassen sie sich nicht aufhalten. An ihrem Durchhaltevermögen, ihrer Voraussicht, möchte ich mir ein Beispiel nehmen.

Was bleibt, nach der Reise nach Chiapas?

Neben der Erfahrungen der Vorträge, den vielen Gesprächen und der gemeinsam verbrachten Zeit, habe ich ganz besonders eines mitgenommen: Ganz gleich, woher wir kommen und wohin wir gehen - ein Studium wird immer ein gemeinsamer Nenner sein. Wir können Erfahrungen teilen, austauschen, und voneinander lernen.

Wie Deutschland ist, fragten viele

Weil ich ständig meine wiederverwendbaren Becher und Besteck bei mir trug und von Nachhaltigkeit und der Klimakrise sprach, gingen sie davon aus, dass in Deutschland das Plastikproblem bereits gelöst worden war. Nein, sagte ich. Aber wir können voneinander lernen, als Studenten - und darüber hinaus.

Es bringt mich sehr zum Nachdenken, dass in Deutschland oft immer dieselben Ziele für ein Auslandsstudium beworben werden. Jenseits der westlichen, der uns so bekannten Welt, gibt es Werte, Traditionen, Perspektiven, Projekte, Wissbegierde und unglaubliches Interesse. Es gibt vor allem auch wunderbare Menschen, von welchen wir viel lernen und mit welchen wir so vieles teilen und austauschen können.

Das Studium ist, ganz gleich an welchem Ort, ein Wunscherfüller, ein Beweis dafür, dass wir können, was wir uns niemals erträumt hätten. Es ist ein Ausdehnen des Horizontes, und es ist eine Tür, die zu anderen Welten führt.

Macht es. Und macht es mit Leidenschaft. Es ist ein Geschenk.

Wenn ihr Fragen zum Studium im Ausland, ganz allgemein zu Mexiko, zu Chiapas, oder vielleicht auch direkt an die Studenten der UNICACH in Villa Corzo habt - schreibt mir sehr gerne. Ich freue mich, von euch zu hören.

 

Ariane Vera, Geförderte der Deutschen Bildung, studierte an der University of Aberdeen und dem Trinity College Dublin. Während ihres Studiums arbeitete sie bei diversen Start-Ups im Bereich Public Relations und veröffentlichte als Autorin ein eBook im Bereich Leadership, sowie zahlreiche Artikel auf digitalen Plattformen und Magazinen über die Themen Women Empowerment und Nachhaltigkeit. Als Singer-Songwriter wurde sie mehrfach ausgezeichnet, nicht zuletzt wegen ihres Engagements im Bereich der Nachhaltigkeit. Ende vergangenen Jahres zog sie nach Mexiko, wo sie als Singer-Songwriter, Kolumnistin, Speaker und über die Sozialen Medien ihre Stimme dem Klimaschutz widmet.

Instagram: https://www.instagram.com/ariane_vera_/

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YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=p8f46y2MOYk

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