Studieren bis der Arzt kommt

Wenn das Studium krank macht

Depressionen, Angstattacken, Schlafstörungen – immer mehr Studenten in Deutschland leiden unter psychischen Problemen. Viele können sogar ihr Studium nicht fortsetzen. Experten raten, Krisen ernst zu nehmen und sich professionelle Hilfe zu holen.

Unabhängigkeit, neue Freunde, Party - eigentlich sollte die Studentenzeit die schönste Zeit im Leben eines jungen Menschen sein. Für immer mehr angehende Akademiker wird sie stattdessen zum Alptraum. Studentische Hilfe-Foren im Internet haben Hochkonjunktur. Aussagen wie „Ich schaffe es einfach nicht mehr“, „Ich bin 23 und am Ende“ oder „Alles ist so sinnlos“ sind dort bereits zur Regel geworden. Das Studium in Deutschland scheint krank zu machen.

Immer mehr Studenten betroffen

Eine Studie der Techniker Krankenkasse und der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2007 unterstreicht diese Annahme: Von den Arzneimitteln, die Studenten verschrieben werden, sind 10 Prozent Antidepressiva. 16 Prozent der 3.300 befragten Studenten gaben an, an depressiven Verstimmungen zu leiden, 11 Prozent nannten Alpträume, 9 Prozent Ängste und Phobien. 17 Prozent leiden zudem unter Beschwerden im Magen-/Darmbereich, 40 Prozent unter Konzentrationsschwierigkeiten. 37 Prozent haben Schulter- und Nackenschmerzen. 

Druck im Studium als Auslöser

Doch was sind die Gründe für den Anstieg an psychischen Erkrankungen? Sind die Studenten von heute „Waschlappen“ und zu harter Arbeit nicht mehr fähig? Für Psychologe Burkhard Seegers, Betreuer in einer Beratungsstelle des Berliner Studentenwerks, ist die Antwort auf diese Frage ein klares Nein: „In der Vergangenheit war das Studium auch ein Schutzraum, in dem sich der Student entwickeln konnte“. Durch den wachsenden Druck der Bologna Reform sei diese Freiheit weggefallen, von den Studenten werde heute erwartet, dass sie dynamisch und flexibel seien. Schwächen passen nicht mehr ins Bild.

Dies sieht auch sein Kollege Hans-Werner Rückert, Leiter der psychologischen Beratungsstelle der Freien Universität Berlin, ähnlich: „Das neue System lässt kaum Freiräume. Vor der Reform diente das erste Semester dazu, sich zu orientieren. Das ist vorbei. Heute ist eine Anmeldung zur Lehrveranstaltung eine Anmeldung zur Prüfung. Jede Studienleistung ist examensrelevant und wird geprüft. Der Prüfungsdruck begleitet einen durchs ganze Studium, wird zur Dauerbelastung“.

Sicherheiten fehlen

Möglicherweise liegt auch hier die Ursache für studentischen Stress: In einer Welt, in der man alles soll und alles kann, auch Bedürfnisse nach Sicherheit und Überschaubarkeit unterzubringen. Und in der Mitte den für sich richtigen Weg zu finden. Hier selbstbestimmt seine Optionen und Handlungsspielräume zu erkennen, ist gerade für junge Menschen schwer, die noch unsicher auf scheinbare Erwartungen von außen hören. 

Aktiv gegen Überforderung ankämpfen

Psychische Probleme im Studium können somit jeden treffen und sind kein Grund sich zu schämen. Um Depressionen vorzubeugen, sollten Studenten nach Ansicht des DAK-Psychologen Frank Meiners versuchen, das Hamsterrad zu durchbrechen: „Arbeiten Sie nicht einfach immer weiter – auch wenn das Pensum noch so groß erscheint. Achten Sie auf die Signale ihres Körpers, nehmen Sie sich regelmäßig eine Auszeit und analysieren Sie Ihre Stressfallen. Habe ich mich rechtzeitig auf die Prüfung vorbereitet? Stimmt die Balance von Anspannung und Entspannung? Ist mein Zeitmanagement effektiv? Umso weniger fühlen Sie sich den Umständen hilflos ausgeliefert“. 

Neuen Lernstil aneignen

Die Lern-Expertin Kira Klenke hat festgestellt, dass es oft ungünstige Lernstrategien aus der Schulzeit sind, die auf die Anforderungen der Hochschule nicht so leicht übertragen werden können. Gerade die Verschulung der neuen Studiengänge lädt möglicherweise nicht dazu ein, seinen Lernstil zu überdenken. Bleiben viele Studenten vielleicht in ihren alten Mustern hängen? Auch hier kann mit der Arbeit an der eigenen Einstellung ein selbstbestimmter Lernstil gefunden werden. Der mehr Freude und Motivation verspricht statt Angst vor Misserfolgen. 

Beratungsangebote in Anspruch nehmen

Studenten die es trotzdem erwischt, sollten frühzeitig die psychosoziale Beratungsstelle ihrer Universität aufsuchen. Eine Übersicht über die Angebote bietet die Webseite des Deutschen Studentenwerks. In der Regel sind die Beratungsangebote an Hochschulen speziell auf die für die Lebenssituation der Studenten typischen Problemschwerpunkte zugeschnitten (etwa Identitätskrisen, Selbstwertzweifel, Ängste, Depressionen, psychosomatische Beschwerden). Gegebenenfalls werden auch geeignete Therapieplätze vermittelt. Durch schnelle und zielgerichtete Interventionen kann in vielen Fällen verhindert werden, dass sich Lebenskrisen zu dauerhaften Störungen mit Krankheitswerten zuspitzen. 


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