"Wir können es gemeinsam schaffen, den Klimawandel zu stoppen und die Zukunft positiv zu gestalten."

von Isabelle Mittermeier

Arno Fricke promoviert im irischen Cork und beschäftigt sich damit, Molkereiabwasser zu Bioplastik zu verwandeln. Im Interview spricht er über seine Auslandserfahrung und seine Überzeugung, dass jeder etwas dafür tun kann, die Umwelt zu schützen.

Erzähl doch mal kurz von dir, wie bist du von Marburg, wo du deinen Bachelor in Biologie gemacht hast, nach Cork für deine Promotion gekommen? 

Wie viele andere Schüler wusste ich nach dem Abitur erst mal nicht, was studieren möchte. Am Ende habe ich mich für Biologie entschieden, da es ein relativ allgemeines Studium ist und ich Spaß an der Thematik hatte. Im Grundstudium entdeckte ich mein Interesse für Mikrobiologie. Wie mein Professor zu sagen pflegte: „Bakterien regieren die Welt“. Ob als blinde Passagiere auf der Internationalen Raumstation oder unserem Körper, wo sie unsere Verdauung unterstützen. Eine Exkursion zu einem biotechnologischen Unternehmen zeigte mir dann, welches Potential Bakterien als mini Fabriken haben. Deshalb wechselte ich zum Biotechnologie Master Studium nach Münster. Hier trat ich auch der biotechnologischen Studenteninitiative bei, wodurch sich mein Horizont durch Exkursionen und Firmenevents erweiterte. Nach meiner Masterarbeit in einem Biotechnologie Startup fing ich an mit der Suche nach einer PhD Stelle. Dabei half mir vor allem Euraxess, ein europäisches Web Portal für Wissenschaftsstellen in Europa. Keine 7 Wochen später saß ich dann auch schon im Flugzeug nach Irland. Ich kannte meine Arbeitsgruppe nur vom kurzen online Interview und in Irland war ich vorher auch noch nicht. Die anfängliche Nervosität legte sich aber schnell und zwei Jahre später bin ich immer noch glücklich den Schritt ins Unbekannte gewagt zu haben. 

Du arbeitest gerade daran, Abwasser aus der Milchproduktion in Bioplastik zu verwandeln. Kannst du kurz erklären, wie das funktioniert und welche Vorteile diese Technik mit sich bringt?

Molkereiabwasser entsteht, wenn Produzenten von Käse, Joghurt, Proteinpulvern etc. ihre Produktionsanlage waschen. Dieses Abwasser enthält somit Reststoffe aus der Milch wie Proteine, Kohlenhydrate und Fette. Da eine Produktionsanlage am Tag rund 9 Millionen Liter davon generiert, ist die Reinigung aufwendig und kostspielig. Was wäre also, wenn man die enthaltenen Nährstoffe im Abwasser nutzen könnte, anstatt sie aufwendig zu entfernen? Hier kommen wir ins Spiel. Mit dem Newtrients Projekt am University College Cork versuchen wir einen Prozess zu entwickeln um Bioplastik produzierende Bakterien mit dem Abwasser zu füttern. Wenn wir Menschen zu viel essen, wird überflüssige Energie in Form von Fettgewebe gespeichert. Bei Bakterien gibt es ähnliche Prozesse, nur das einer ihrer Speicherstoffe ein sogenanntes Bioplastik ist. Wenn man eine Mischung aus Bakterien durch einen Zyklus aus Fütterungs- und Fastenzeiten bringt, selektiert man gezielt für jene mit guten Speichereigenschaften, da sie in der Fastenzeit ein „Backup“ haben. Dadurch hat man am Ende eine Bakterienmischung, die für die Bioplastikproduktion optimiert ist. Eines der größten Probleme von Bioplastik zurzeit ist, dass es preislich nicht mit dem herkömmlichen Erdöl basiertem Plastik mithalten kann. Nutzt man Abfallstoffe für die Produktion, kann man circa ein Drittel der Bioplastik Produktionskosten einsparen und den Produzenten von Molkereiprodukten weiterhin die Kosten der Abwasserreinigung reduzieren.

Umwelt- und Klimaschutz ist gerade ein großes Thema, vor allem für junge Menschen. Wie versuchst du mit deiner Arbeit unsere Erde zu schützen und warum ist dir das wichtig?

Unser aktuelles Wirtschaftssystem ist weitestgehend linear. Rohstoffe werden genutzt, um Produkte zu generieren, die schlussendlich im Müll landen um Platz für neue Produkte zu schaffen. Dieses System funktioniert so lange, bis entweder Rohstoffe knapp werden oder der Müll am Ende für Probleme sorgt. Beim Thema Plastik sehen wir jetzt schon beide Tendenzen. Umweltschäden durch Erdöl und Plastikmüll in der Umwelt zeigen uns immer wieder, dass es Zeit wird umzudenken. In unserem Projekt arbeiten wir zusammen mit Ingenieuren, Mikrobiologen und Pflanzenwissenschaftlern. Gemeinsam versuchen wir ein zirkuläres System für das Molkereiabwasser zu finden. Nachdem meine Bakterien bei der Bioplastikproduktion einen Teil der Bestandteile im Abwasser entfernt haben, können Pflanzen den Rest verwerten. Wir nutzen dafür die kleine Wasserlinse, auch bekannt als Entengrütze, die als Futtermittel zurück an die Milchkühe verfüttert werden kann. Wissenschaftler und Ingenieure weltweit arbeiten gerade an solchen zirkulären Systemen um Rohstoffe optimal zu nutzen und Abfallstoffe zu minimieren. Es macht Spaß Teil dieser weltweiten und interdisziplinären Anstrengung zu sein um gemeinsam Lösungen für die Zukunft zu finden. 

In deinem Profil steht, dass es dir auch darum geht, die Menschen zu informieren und Bewusstsein für die Probleme in unserer Welt zu schaffen, wie trägst du mit deiner Arbeit dazu bei?

Lange Zeit fand Wissenschaft hinter verschlossenen Türen statt, fernab vom Alltag anderer Menschen. Nur ab und zu bei einem großen Durchbruch hörte man eventuell etwas in den Nachrichten. Jedoch stehen jeden Tag Wissenschaftlern in Laboren weltweit, um unsere Welt zu verstehen und Lösungen für brennende Fragen zu finden. In den letzten Jahren gibt es deshalb mehr und mehr Wissenschaftler, die sich aktiv dafür einsetzten, um die Gesellschaft für Wissenschaft zu begeistern und spannende Einblicke zu liefern. Dafür gibt es heute unter dem Begriff Sciecom eine Vielzahl von internationalen Events, wie dem FameLab Wettbewerb oder dem Pint of Science Wissenschaftsfestival in Pubs rund um die Welt. Dabei erzähle ich nicht nur gerne über mein eigenes Thema sondern lerne auch viel Neues. Andere Organisationen wie Native Scientist oder Letters to a Pre-Scientist sind speziell für Kinder geschaffen worden, um sie für Wissenschaft zu begeistern und ihre Neugier zu wecken. Ich hoffe, dass diese Bemühungen über lange Sicht dazu führen, dass Wissenschaft zugänglich für jeden wird und tiefere Einblicke vermittelt werden, als die Überschriften in Social Media Kanälen. 

Beeinflusst dich dein neuer Lebensraum in Irland bei deiner Arbeit und in deiner Persönlichkeit? Wie hast du den Wechsel von Deutschland nach Irland erlebt? Bereichert dich diese Auslandserfahrung?

Ich erinnere mich noch heute an meinen ersten Tag hier in Cork, als ich aus dem Bus vom Flughafen ausstieg. Eine Unterbringung für die erste Woche und eine Bestätigungs-E-mail der Uni in der Hand. Ich hätte nie gedacht, wie schnell ich mich hier heimisch fühlen würde. Die freundliche und offene Art der Iren, gepaart mit der wunderschönen Natur an der Atlantik-Küste ist wohl ein Grund dafür. In Cork habe ich auch meine Liebe zum Meer entdeckt und selbst 10°C im April sind kein Grund mehr nicht kurz eine Runde schwimmen zu gehen oder mit dem Kajak auf dem River Lee eine Runde zu drehen. Für mein Studium bin ich schon mehrfach in Deutschland umgezogen, der Schritt ins Ausland ist trotzdem eine ganz andere Erfahrung. Im Arbeitsalltag ist alles etwas weniger formell. Das merkte ich schnell, nachdem ich auf meine erste Mail an meinen Professor auf: „Sehr geehrter Herr Professor…“ ein kurzes: „Geht klar Arno, bis morgen.“ zurückbekam. Anders ist auch die Fülle an Societies/Clubs. Da gibt es von der Harry Potter und Pferderennen Society, bis zu Fallschirmsprung und Tauch Clubs etwas für jeden zu entdecken. Dadurch findet man schnell Anschluss zu anderen Studenten. Wenn man es schafft, 20 Unterschriften zu sammeln und ein paar Events über das Semester verteilt zu organisieren, kann man sogar jederzeit seine eigene Society gründen. Auch wenn meine Zeit hier in Irland noch lange nicht vorbei ist, hat sie mich doch jetzt schon nachhaltig verändert. Deshalb kann ich jedem nur raten einmal selbst diese Erfahrung zu machen. Danach reflektiert man ganz anders über sein Heimatland und Muttersprache. Spätestens nachdem man versucht hat einem Iren ein bisschen Deutsch beizubringen und merkt wie selbstverständlich es ist, dass Schnecken ein Haus mit sich herumtragen und nicht eine einfache „shell“ Schale wie im Englischen.

Was sind deine Tipps für junge Menschen, die aktiv etwas zum Umweltschutz beitragen wollen, auch wenn sie vielleicht nicht Biologie studiert haben?

Umweltschutz lässt sich nicht auf ein Themengebiet beschränken. Das merkt man sehr schnell, wenn man einmal in einem interdisziplinären Team gearbeitet hat. Ein Mikrobiologe kann vielleicht ein super Bakterium finden, um Bioplastik zu produzieren, aber wie weit kommt dieser ohne Ingenieure, um die Bioreaktoren zu bauen, Wirtschaftswissenschaftler um die Finanzierung zu sichern und Politikstudenten um Rahmenbedingungen für einen neuen Industriezweig zu schaffen? Umweltschutz ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Jeder kann seinen Teil dazu beitragen, egal in welcher Situation. Zum Beispiel als Konsument, indem man sich informiert und für Produkte entscheidet die ökologisch verträglicher sind. Als Arbeitnehmer, wenn man sich für ein Unternehmen entscheidet welches sich für mehr Umweltschutz einsetzt. Als Wähler, wenn man von seinen gewählten Vertretern einfordert, Wahlversprechen umzusetzen. Oft scheint es so als ob der Einzelne nichts ausrichten kann. Verbote von verschiedenen Einweg-Plastikartikeln und ein größeres Angebot an unverpackten Lebensmitteln zeigen aber, dass sich die Politik und der Markt an die Anforderungen der Bevölkerung anpasst.

Was sind deine Ziele – Promotion und dann?

Im Bachelor hatte ich 2 Jahre einen Plan, was ich im Master machen möchte, aber eine einzige Exkursion hat mir einen neuen Impuls gegeben und den Plan über den Haufen geworfen. Das Selbe ist mir im Master wieder passiert, wo ich mir lange ganz sicher war wo der Weg für mich hingeht. Jetzt in der Promotion ist dieser Zyklus noch schneller geworden. Ich treffe immer wieder großartige Leute und mache neue Erfahrungen die mir neue Themengebiete und Berufsfelder zeigen. Deshalb habe ich jetzt seit mehreren Jahren schon den Wunsch, nach der Promotion eine längere Auszeit zu nehmen und um die Welt zu reisen, um Startups und Leute kennen zu lernen, die Lösungen für die Zukunft entwickeln. In den Nachrichten hört man viel Negatives, ich bin aber der festen Meinung, dass wir es gemeinsam schaffen die großen Probleme wie den Klimawandel zu stoppen und die Zukunft positiv zu gestalten.

Du hältst im August ein Webinar bei uns, gibst du eine kurze Vorschau, was die Teilnehmer erwartet?

Seit zwei Jahren arbeite ich nun im Bereich Bioplastik und beschäftige mich dadurch natürlich auch viel mit den Folgen von Plastik im Allgemeinen. Gerade in den letzten Jahren hat das Thema Plastik an Bedeutung gewonnen und wird in Gesellschaft und Politik diskutiert. Woher kommt denn aber das ganze Plastik und wie steht es um neue Alternativen? Im Webinar werde ich einen allgemeinen Einblick über Plastik und seine Probleme geben, sowie von Neuigkeiten aus der Wissenschaft berichten um Alternativen für die Zukunft zu entwickeln.

Hier kannst du dich für das kostenfreie Webinar anmelden.

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