„Wir könnten in einem ökologischen Paradies leben“

Gemeinsam etwas bewegen

von Lea Schäfer

Bei dem Wort „Umweltaktivismus“ denken die meisten an die Arbeit von NGOs, an Demos und Petitionen. Dabei fängt Umweltaktivismus im alltäglichen Leben an: Zuhause! Wir haben mit einer Umweltwissenschaftlerin darüber gesprochen, was alles schief läuft, wo man etwas tun muss und warum ein Öko zu sein, eine Tugend und keine Beleidigung sein sollte.

Nicht zuletzt durch die 16-jährige Aktivistin Greta Thunberg, die auch deutsche Schülerinnen und Schüler dazu motiviert, die Schule für das Klima zu schwänzen, hat dem Thema Umweltaktivismus wieder einen medialen Schub verpasst. Ihre Reden gehen viral und ihr Auftreten scheint einzigartig. Dabei muss man keine Greta sein, man muss auch nicht auf Demos gehen, um die Umwelt zu schützen.

Aber was können/sollten wir alles tun? Auf Plastik verzichten? Reicht nicht! Die Umweltwissenschaftlerin Hannah Nohr sagt: „In Anbetracht der ernüchternden Zukunftsprognosen ist es schlichtweg vernünftig öko zu sein.“ Hannah ist stolz darauf, umweltbewusst zu leben. Sie hat sich schon währen ihres Bachelorstudiums der Biologie auf Naturschutz fokussiert und sich in ihrem Master an der Goethe Uni in Frankfurt nun ganz den Umweltwissenschaften verschrieben. 

Was bedeutet Umweltaktivismus eigentlich für dich als Umweltwissenschaftlerin?

Man verbindet das gerne mit dem klassischen öffentlichen Protest, der auf Umweltmissstände aufmerksam machen soll: Demos, Petitionen, Aktionen von NGOs.  Aber seit ich Umweltwissenschaften studiere, ist mir nur noch mehr ins Bewusstsein getreten, wie komplex das Kreislaufsystem Erde ist und wie heftig, vielfältig und leichtsinnig wir mit unserem ganz alltäglichen, bequemen Leben in dieses System eingreifen. Das ist teilweise unheimlich undurchsichtig und man weiß gar nicht, welcher Baustelle man sich zuerst widmen soll.
Es wird einem heutzutage auch nicht gerade leichtgemacht, nachhaltig, ökologisch und klimafreundlich zu handeln. Unser System ist auf was ganz anderes ausgelegt. Man muss aktiv nach Alternativen suchen, verzichten, Aufwand betreiben, Konflikte ertragen. Das ist doch schon eine Art Rebellion und Aktivismus. Und so können wir mit unserem ganz individuellen Konsumverhalten und unserem Lebensstil ganz entscheidend aktiven Umwelt-, Natur- und Klimaschutz betreiben; auch weil er eine kollektive Veränderung begünstigen kann, gerade im Social-Media Zeitalter.

An welcher Stelle sollten Studentinnen und Studenten ansetzen? Wo sollte deiner Meinung nach mehr getan werden?

Ich kenne das ja, man steht als Student erstmal unter Druck, überhaupt einen Platz in der Gesellschaft zu finden; man muss da schon viel Mut haben und viel investieren, neue Wege aber auch Karriere anders zu beschreiten und Zukunft zu gestalten. Das Dilemma ist: Wie kann man den schlechten Einfluss so gering wie möglich halten, gleichzeitig das Umweltsystem stabilisieren und unterstützen und noch dazu einen gewissen Standard halten oder erreichen?
An dieser Stelle sollte man den Menschen klarmachen, dass eine Änderung hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft nicht zwingend Verschlechterung und Einschränkung bedeutet. Ich glaube viele wehren sich da noch, fühlen sich bedroht, weil sie glauben viel zu verlieren.  Da fehlt auch einfach eine konkrete Vorstellung, wie eine nachhaltige Zukunft aussehen kann, eine echte Alternative.
Aber wie gesagt: das eigene Handeln zu hinterfragen und tatsächlich zu optimieren ist wohl der erste wichtige Schritt hin zu einer Veränderung.

Okay, wenn man diese Reflektion verinnerlicht hat. In welchen Bereichen kann ich dann aktiv werden?

Beim Thema Klima ganz klar durch die Reduktion von Treibhausgasemissionen: Das bedeutet, den Verzicht oder die Reduktion von Flug- und Schiffreisen, das Nutzen von Carsharing, öffentlichen Verkehrsmittel, Fahrrad zu fahren, die Umstellung auf Ökostrom, reduzierter Stromverbrauch und erhöhte Energieeffizienz, weniger Fleischkonsum, der Einkauf von regionalen und saisonalen Lebensmitteln und Konsumgütern, aber auch einfach ressourcenschonendes Handeln (reduzierter Konsum von industriell gefertigten Produkten: Dazu gehören auch Verpackungen, Kleidung, Technologien, etc.) und die Vermeidung vom bequemen Online-Shopping. Aber auch wie oben schon genannt: Tauschen, Teilen, Reparieren, Wiederbenutzen, Recyclen/Upcyclen. Ich bin da in meinem Studium über ein einfaches Kredo unerwünschter Auswirkungen gestolpert:

Vermeidbares sollte vermieden werden, nicht Vermeidbares sollte optimiert und auf ein Minimum reduziert werden.

Wenn es um Naturschutz geht, ist aktuell ja gerade das Bienensterben sehr präsent.

Ja, die Honigbiene hat sich hier zu einem Symboltier erschlichen, ist aber eigentlich durch die kommerzielle Honigproduktion nicht in Ihrem Bestand gefährdet. Im Gegenteil, die Anzahl an Honigbienenvölkern steigt sogar. Das kann irreführend sein. Denn es gibt weit mehr Bienenarten, abgesehen von der Honigbiene, als der Laie vermuten würde: mehr als 500 Wildbienenarten in Deutschland. Dennoch scheint die Honigbiene in vielen Menschen mehr positive Emotionen zu wecken und schützenswerter zu sein als andere Insektenarten, die teilweise als „ekelerregend“ und als „Schädlinge“ betrachtet werden.

Warum ist das Insektensterben so relevant?

Man schätzt, dass Insekten weltweit mit Abstand die artenreichste Organismengruppe sind (5-10 Mio. Arten), von denen bisher nur rund 1 Million weltweit beschrieben wurden. Allein in Deutschland soll es rund 30.000 unterschiedliche Insektenarten geben. Durch die schiere Artenvielfalt der Insekten nehmen diese in ökologischen Systemen mehrere Schlüsselrollen ein. Sie sind Nährstofflieferanten für andere Tiere. 60% der Vögel ernähren sich von Insekten. Außerdem bauen sie totes Material ab und führen es zurück in den Stoffkreislauf. Und ganz wichtig: Sie sind maßgeblich am Erhalt der Pflanzendiversität beteiligt. Schätzungsweise mehr als 80% der „Blütenpflanzen“ sind auf Bestäubung durch Insekten angewiesen. Der Mensch ist damit direkt von den Insekten abhängig. Wenn man die Leistung der „Bestäubungsdienstleistung“ durch Insekten in einen volkswirtschaftlichen Wert übertragen würde, käme man auf einen Wert von 1,13 Milliarden Euro alleine in Deutschland.

Wow, das ist ein großer Wert. Was kann ich tun, um die Insekten zu schützen?

Kauf Bio! Im biologischen Anbau wird nämlich auf den Einsatz von Pestiziden verzichtet. Das gilt auch für den Anbau von Baumwolle, das heißt weniger fast fashion.

Außerdem: Faulheit wird belohnt! Denn der gut getrimmte englische Rasen ist quasi eine ökologische Wüste. Weniger Mähen ist  also hilfreich. Außerdem sollte man auf heimische Kräuter und Stauden setzen, möglichst unterschiedliche Pflanzenfamilien heranziehen und ein möglichst konstantes Nahrungsangebot mit Blüte von März bis Oktober bieten. Es gibt tolle Anleitungen zum Anlegen von Wildblumenwiesen bei allen gängigen Naturschutzorganisationen wie NABU oder BUND, inklusive passendem Saatgut. Hat man keinen Garten bieten sich tolle Küchenkräuter auf Balkon oder Fensterbank an. Die dienen gleichzeitig dann auch den Insekten.

Es ist aber auch schon super, einfach mal Laub und Holzschnitte liegenzulassen. In Totholz wimmelt es nur so von Insekten und man führt gleichzeitig auch noch wichtige Nährstoffe zurück. Wer gerne werkelt der kann sich am Bau eines „Insektenhotels“ versuchen. 

Und  zuletzt wird die Demo wieder relevant, denn es ist ganz klar, zum Schutz der Insekten und den für den Menschen wichtigen Ökosystemfunktionen ist eine Agrarreform nötig. Landwirtschaftliche Produktion muss mehr Raum für Insekten lassen (Ackerrandstreifen) und Pestizideinsatz muss ganz reduziert werden. Das Volksbegehren in Bayern ist hier ein sehr positives Beispiel.

Vielen Dank an Hannah Nohr für das Interview. 

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