New Work Zwischen Flexibilität und digitaler Erschöpfung: „Erklärt euren Vorgesetzen, wie man arbeitet“.

Was vor einigen Jahren unter den Stichworten „Zukunft der Arbeit“ oder „New Work“ lief, ist in Wahrheit nicht mehr neu, sondern längst ein Massenphänomen im Hier und Jetzt. Das sagt der Autor Markus Albers, der mit seinem Buch „Morgen komm‘ ich später rein“ im Jahr 2008 die Chancen einer flexiblen Arbeitswelt noch optimistisch begrüßt hat. Jetzt ist er nachdenklicher geworden.

Gerade die digitalen Möglichkeiten haben das (Arbeits-)Leben seiner Ansicht nach nicht in dem Maße erleichtert, wie es eigentlich ihr Versprechen war. Statt einer verbesserten Work-Life-Balance droht die digitale Erschöpfung, die auch titelgebend für sein neuestes Buch war. Die gute Nachricht: Die Digital Natives der Generationen Y und Z haben den Umgang mit der Technologie oft gut drauf und können helfen, die neue Arbeitswelt sinnvoll zu gestalten. Sie müssen nur wissen, wie.

Alte Arbeitswelt, neue Arbeitswelt: Kampf der Kulturen

Wenn es eine neue Arbeitswelt gibt, muss es ja auch eine alte geben. Die war vor einigen Jahren noch von einer ausgesprochenen Präsenzkultur gekennzeichnet. Im Büro ab 9 Uhr vor dem Rechner sitzen, als letzter das Licht ausmachen: So sieht Arbeit aus! Dass sich allmählich herumgesprochen hat, dass weder das Anstarren des Rechners noch die körperliche Anwesenheit im Büro schon automatisch die Bezeichnung „Arbeit“ verdient, findet Markus Albers auch heute noch uneingeschränkt richtig. Den starren Präsenzkult für so genannte Wissensarbeiter wünscht sich kein Mensch ernsthaft zurück. Arbeit ist in großen Schritten flexibler geworden, sowohl örtlich als auch zeitlich, vor allem dank digitaler Technologien. Das birgt für arbeitende Menschen einige Verbesserungen im Leben: Private Verpflichtungen und Hobbys lassen sich flexibler mit dem Arbeitspensum verbinden. Homeoffice und mobiles Arbeiten erspart oft lange Arbeitswege und reduziert die vielfältigen Ablenkungen im Büro. Wechselnde Settings wie das Arbeiten im Zug oder im angesagten Café um die Ecke können die Kreativität befeuern. Klingt alles erstmal super: Mehr Work-Life-Balance, mehr Produktivität, ein besseres Leben!

Work-Life-Blending statt Work-Life-Balance: Wie eine Hoffnung gegen die Wand fährt

Aber ganz so ist es leider nicht, sagt Markus Albers. „Work-Life-Blending“, also das Verschwimmen von Arbeit und Freizeit sei das neue Phänomen. Die alte Kultur wurde von einer neuen Kultur abgelöst, die mit anderen Missverständnissen aufwartet, wie gute Arbeit aussieht. Jetzt zählt nicht mehr, wer als letzter das Büro verlässt, sondern wer am schnellsten auf die neusten Mails und Messages auf zum Teil konkurrierenden Kanälen antwortet. Ich bin online und reaktionsbereit, also arbeite ich. Erreichbar zu sein und schnell auf Kommunikationsreize zu reagieren ist gerade für mobil arbeitende Menschen der eifrige Beleg für ihr Engagement. Die Fesseln des Schreibtischs, von denen sich Menschen zurecht lösen wollten, wurden durch digitale Fesseln ersetzt – und das womöglich rund um die Uhr. Die erhoffte Verbesserung der Lebensqualität wird damit zur Farce. Manchmal werde das insgeheim oder auch explizit erwartet, oft aber auch nicht, erklärt Albers. „Ich habe mit vielen Arbeitgebern gesprochen, die diese Entwicklung eigentlich mit Skepsis sehen und die Erwartungen vielleicht nur klarer kommunizieren müssten.“ Das kann zum Beispiel die deutliche Ansage der Chefin sein: Nur weil ich dir Freitagabend eine Mail schreibe, heißt das nicht, dass du auch Freitagabend antworten musst.

Die Faktenlage ist eindeutig: Multitasking ist nicht trainierbar

Die Faktenlage ist ziemlich deutlich: Zersplitterte Kommunikation, fehlende Ruhephasen, zahlreiche Ablenkungen – ob analog oder digital – machen unkonzentriert und ineffizient, breiten sich in der Arbeitskultur aber trotzdem immer mehr aus. „An Tagen, die aus einem Dauer-Feuerwerk aus E-Mail, Chats, Skype-Sessions, Pings der Kollaborations-Software und Telefonaten bestehen, sind viele Menschen abends sehr erschöpft, geradezu mental ausgelaugt, waren aber trotzdem kaum produktiv. Das eigentliche „Machen“, also: kreativ sein, Ideen haben, aber auch Ideen umsetzen, produzieren – all das müsste dann erst beginnen“, sagt Albers.

Manager oder Maker?

Er unterscheidet mit Verweis auf Paul Graham auf den Manager-Modus und den Maker-Modus. „Letzterer erlaubt lange, nicht unterbrochene Phasen der Konzentration auf eine Aufgabe. Leider arbeiten wir heute fast alle im Manager-Modus, also mit einem bunten Flickenteppich aus Telkos, E-Mails und Absprachen, und das ist ein wachsendes Problem“, sagt der ursprüngliche New-Work-Fan Albers und stellt damit sogar die stark umjubelte Teamarbeit sanft in Frage, die häufig als Königsweg erfolgreicher Arbeit definiert wird. „Dass Kollaboration aber keineswegs immer zu besseren Arbeitsergebnissen führt, ist durch viele Studien bewiesen“, sagt Albers.
Lost in Kollaboration? Diesen Begriff lässt Markus Albers in unserem Gespräch häufig fallen. Kollaboration meint einfach ausgedrückt die enge Zusammenarbeit, unterstützt durch entsprechende Kommunikations-Software, aber auch analoge Formate, die den Austausch und den Wissensfluss verbessern sollen. So weit so gut, aber: „Mittlerweile bestehen 85 Prozent der Arbeitszeit aus Kollaboration“, sagt Albers. Was zu besseren Ergebnissen führen soll, verhindert diese in Wirklichkeit. Statt agil voranzukommen, bleiben Teams im immer zäher werdenden Sumpf von Mails und Updates hängen.

„Wir brauchen neue Kulturtechniken für den Umgang mit digitalen Technologien“

„Was wir brauchen, sind neue Kulturtechniken“, sagt Albers, der gegen die Möglichkeiten der neuen Arbeitswelt überhaupt nichts hat. Es fehle jedoch häufig an expliziten Regeln für den Umgang damit, damit das unbestrittene Potenzial neuer Technologien und Formen des Austauschs in konstruktiver Weise genutzt werden kann: Für den einzelnen Menschen, aber auch für die Organisationen, die letztlich auf Ergebnisse angewiesen sind. Leistung ist nicht Bildschirmarbeit. Leistung ist aber auch nicht das schnelle Antworten auf Messanger-Nachrichten oder das Herumschicken von Telko-Terminen. Im ungünstigsten Fallen wird in Unternehmen sogar das Schlechteste beider Welten verbunden: Abends um 22 Uhr wird noch auf Mails geantwortet und am nächsten Morgen trotzdem um 9 Uhr am Schreibtisch gesessen. „Das macht Menschen kaputt“, sagt Albers. Deshalb müssen Techniken kultiviert werden, die wieder den Maker-Modus fördern und sich stärker an den Tatsachen der Arbeitspsychologie orientieren. Dazu gehören definierte und klar erlaubte Phasen von Nicht-Erreichbarkeit, längere Konzentrationszeiten am Stück und klare Vorgaben für den Gebrauch von Technologien. Woran erkenne ich eine wirklich wichtige Anfrage? Was darf einen halben Tag oder länger unbeantwortet bleiben? Wie kann vermieden werden, diese Entscheidungen im Minutentakt selbst treffen zu müssen und deswegen auch in geblockten Arbeitszeiten nicht mehr zur Ruhe zu kommen? Nötig sind bewusste, sorgsame Entscheidungen für einzelne Tools und Kommunikationswege mit klaren Spielregeln und einem guten Erwartungsmanagement für deren Nutzung.

Generation Y und Z kann digital verhedderte Unternehmen auf den richtigen Pfad führen

Hilfe winkt da, wo viele sie vielleicht am wenigsten vermutet hättet, nämlich bei euch: Bei der Generation Y und Z, den vermeintlichen Smartphone-Junkies und Digital Natives. „Diese können mit den neuen Technologien oft erstaunlich vernünftig umgehen“, sagt Albers und berichtet von Kneipenbesuchen junger Leute, die ihre Smartphones bewusst in einer Ecke stapeln und sich für die volle gegenseitige Aufmerksamkeit entscheiden. „Jüngere Berufseinsteiger sind häufig viel selbstbewusster nicht erreichbar, trennen Arbeits- und Freizeitphasen oft strenger“, beobachtet Albers. Zwischen Slack, E-Mail, Whats-app, Skype und Telkoraum verheddern sich interessanterweise eher die im Vergleich etwas älteren Berufstätigen. „Erklärt euren Vorgesetzen, wie man arbeitet“, lautet deswegen der Appell von Markus Albers an Studentinnen und Studenten und Young Professionals, die die Chance haben, das Beste der alten und der neuen Arbeitswelt miteinander zu verbinden.

Unser Lesetipp: Markus Albers. Digitale Erschöpfung: Wie wir die Kontrolle über unser Leben zurückgewinnen, 2017.

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